Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969874--5775-2975089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 Weater, Wuflk und bildende Kunst. In der archäologischen Abteilung des Kongresses der gelehrten französischen Körperschaften zu Toulouse legte Mlor de Smarte eine sehr eingehende Untersuchung über die Kleidung im siebenten Jahrhundert vor. Als Grundlage nahm er die berühmte Pentateuch - Handschrift von Tours, die, nachdem sie durch Unterschlagung in die Sammlung Ashburnam gelangt war, jetzt durch Delisle für Frankreich znrückerworben wurde. Wie in der etwas älteren griechischen Genesis - Handschrift zu Wien sind hier die Hauptereignisse der biblischen Geschichte durch farbige Bilder illustrirt. Man sieht Loth und seine Töchter, Sarah im Hause Abimelech's, Hagar und Sarah vor Abraham, Rebekka in reichem Kleider- und Haarschmuck, mit Perlenketten und Ohrgehängen, Jakob und Rahel, Joseph die Maurer überwachend, Pharao und Joseph, die Erretung Mosis und Anderes. Besonders fein ist der Traum Jakob's mit den dabei erscheinenden Engeln ausgeführt. Die aus dem 12. Jahrhundert stammenden Stickereien von Bayeux galten bis jetzt als die ältesten Denkmäler der Geschichte der Kleidung in Frankreich; jene Bilderhandschrift rückt nun unsere Kenntnis um ein halbes Jahrtausend hinauf, in die Zeiten Gregors von Tours und Dagobert's. Denn daß der Zeichner, von gewissen künstlerischen Umänderungen abgesehen, die Kleidung seiner Zeit sich zum Muster gewählt hat, daran läßt sich nicht zweifeln. Der Pentateuch von Tours zeigt im Wesentlichen Gestalten des Landlebens, doch in solcher Feinheit und Mannigfaltigkeit, daß dem Zeichner eine gewisse künstlerische Begabung nicht abgesprochen werden kann. — Gerhart Hauptmann schreibt gegenwärtig ein Drama „Das Hirtenlied", von dem bereits 3 Akte vollendet sind. Der Dichter brachte kürzlich in vertrautem Kreise ein Stück dieser zumeist biblischen Dichtung, in der er sein innerstes Sehnen ausschüttet, zur Vorlesung. Vor einem Maler, der seit länger denn zwei Jahrzehnten sein Denken und Können einem Bilde „Rahel am Brunnen" geweiht hat, steht der Engel und der Künstler klagt ihm sein Leid, sein Schicksal, das in der gemeinen Wirklichkeit wurzeln muß und der Engel führt ihn durch Raum und Zeit hin ins Land Mesopotamien, zu den Gefilden der reinen Hirten und Patriarchen, zu den Menschen, unter denen Rahel lebte. Dieses Hirtenlied, es tönt wie des Dichters Hohes Lied vom Sehnen nach Reinheit und Hoheit, nach Kunst und Schönheit. — Im Theater zu Venedig hat Herr Kossini, ein 23jähriger, in Mailand lebender Tonsetzer, Dirigent des dortigen deutschen Chorvereins, mit einem Oratorium durchschlagenden Erfolg errungen. Der Componist ist Deutsch-Italiener und hat unter Rheinberger in München studiert; er heißt Herrmann Wolf-Ferrari und ist Sohn des geschätzten Malers August Wolf. Sein Oratorium heißt „La Sulamite”, von der weiblichen Hauptgestalt des „Hohen Liedes", dessen schönsten Stellen es musikalischen Ausdruck giebt. Der Eingang besteht aus der Liebesklage der Sulamith, ausgesührt vom