Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 187 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969874--5774-2975088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
187 Geschichte der Menschheit, denn an ihm wurde von dem Kassationshofe in Paris in Sachen des Capitäns Dreyfuß, dessen Schicksal die ganze Welt in atemloser Spannung erhielt endlich die lange und bange ersehnte Revision ausgesprochen. Recht und Wahrheit, die so schamlos mißhandelt wurden, gelangen doch endlich znm Siege und die Feinde der Juden, die in Dreyfuß die ganze Judenheit treffen und verurteilen wollten, werden für alle Zeiten gebrandmarkt dastehen und ihr verdammend Urteil von der Geschichte, der unbestechlichen Richterin, empfangen. — Seit einiger Zeit ist lebhaftes Jntersse für jüdische Fragen bei den französischen Revuen zu verzeichnen. So finden wir in der „Revue des Revues“ einen sehr lehrreichen Aufsatz über „Das jüdische Proletariat in Frankreich." Der Verfasser, Paul Pottier, giebt die Zahl der jüdischen Proletarier allein in Paris auf 20009 an, schildert eingehend ihre Lebensweise und ihre Berufsarten, die jüdischen Schulen, die für ihre Kinder errichtet sind, und die zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten, die für sie bestehen. Die „Revue Socialiste" hat einen sehr freundlichen Artikel ihres Herausgebers, des Deputirten Rouanet über die Judenfrage publizirt, und nun finden wir in derselben Zeitschrift wieder eine sehr interessante Studie der Madame Phalipou über „Die Juden in Rußland." Das Neue und Wissenswerthe darin sind die Beschreibungen der jüdischen Ackerban-Kolonien in den Gouvernements Jekaterinoslaw und Cherson auf Grund eigener Anschauung. Bekanntlich wird in der Ortschaft Bobrowy Kut demnächst mit Subvention der „Jewish Colonisation Association“ und mit Unterstützung der Regierung eine Ackerbauschule errichtet. Nach der Angabe der Mme. Phalipou hestehen in Cherson 11 und in Jekaterinoslaw 17 Kolonien, jene von einheimischen, diese von eingewanderten Juden bewohnt. Das Zeugnis, das die Verfasserinden jüdischen Bauern ausstellt, ist das allerbeste. Sie meinte: „Die Juden haben durch diese Kolonien den Befähigungsnachweis für die Landwirtschaft erbracht. Sie haben in allen Fällen, besonders beim Getreidebau gezeigt, daß sie den russischen Bauern keineswegs nachstehen." Zu erwähnen wäre noch die vornehme volkswirthschaftliche Monatsschrift „Journal des Economistes“, in der der Senator und Führer der Friedensbewegung Frederie Passy über die „Wahre Lösung der Judenfrage" spricht. Seine Erörterungen beschäftigen sich hauptsächlich mitderLage derJuden in Rumänien und mit der Verletzung der Bestimmungen des Berliner Vertrages, bei dessen Abschluß er selbst intervenirte. Der Verfasser zitirt einen Passus aus einer Rede, bieder Unterrichtsminister Carp in der rumänischen Kammer i. I. 1875 gehalten hat, und erklärt diesen als die eigentliche Lösung der Judenfrage zu betrachten. Carp sagte: „Wollet Ihr die Juden siegreich bekämpfen? Seid arbeitsam, sparsam, ökonomisch wie sie, und Ihr braucht sie nicht zu fürchten. In der Konkurrenz der Arbeit liegt die Lösung der Judenfrage."