Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969874--5773-2975087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 werden. — Am 12. Juni starb in Derlin Herr Rabbiner und Seminar-Direktor Dr. Israel Hildesheimer, geboren 20. Mai 1820 zu Halberstadt. Sein thatenreiches Leben und selbstloses Wirken standen im Dienste der modernen deutschen Orthodoxie, die in ihm ihren geistigen Führer und ihren letzten hervorragenden Vertreter verloren. — In Straßburg starb Herr Oberrabbiner Weil und in Heidelberg Herr Bezirks- Rabbiner Dr. Sondheimer. — Aus Wien berichtet man von dem plötzlichen Hinscheiden des weithin bekannten Herrn Obercantors Joseph Goldstein am Leopoldstaedter Tempel. — Herr Professer Dr. Ludwig Stein in Berlin ist von der königl. ungarischen Akademie der Wissenschaften zum Mitgliede -gewählt worden. Wie wir vernehmen, ist dem hervorragenden Philosophielehrer der Bernischen Hochschule kürzlich auch eine andere Auszeichnung zu Theil geworden, ein ihm durch den russichen Gesandten überreichtes Schreiben des Zaren, worin der Monarch in sehr frenndlichen Worten seine Befriedigung über Professor Steins Schrift „Zum ewigen Frieden" ausspricht. — Die Friedenskonferenz trat am 18. Mai am Geburtstag des Zaren in Haag zusammen. Die Einladung des Zaren, „den großen Gedanken des Weltfriedens triumphiren zu lassen über die Elemente des Unfriedens und der Zwietracht" und „vor allein der gegenwärtigen Entwickelung der fortschreitenden Rüstungen ein Ziel zu setzen" ist ergangen an 26 Staaten, wovon 20 in Europa. Der Zar hat jüngst auf den Hinweis, daß die Einberufung des Friedenskongresses den Völkern wenigstens die Hoffnung auf Völkersrieden gebe, erwidert: Ach, Hoffnungen! Mit diesen Hoffnungen werden die Völker nun schon seit Jahrhunderten getäuscht. Wir wollen nun endlich, daß sie verwirklicht werden, wir wollen Thaten sehen!" — In Paris starb Herr Alerander Abraham Weill, der meist im Zusammenhang mit Ludwig Börne oder Heinrich Heine erwähnt wird, Elsässer von Geburt, Jude seinem Bekenntnis nach, in den Knabenjahren Kuhhirt im Heimatsdorf, dann Vorbeter und Talmudschüler in Frankfurt a. M-; hierauf deutscher Schriftsteller im Verkehr mit Gutzkow, Laube, Dingelstedt u. A.; dann französischer Journalist im Verkehr mit Viktor Hugo, Balzac, Sue und Frau Sand. Erst Republikaner, dann Royalist, fanatischer Jude und gleichwohl Mitarbeiter — der Krenzzeitung, während seines langen Lebens politische und erotische, soziale und novellistische Bücher ohne Zahl schreibend, auch Dorfgeschichten und Dramen, am Abend seines Lebens Bibelkritiker, ja sogar Religionsstifter — so war der kleine Weill in der That einer der merkwürdigsten Schriftsteller jener Übergangsepoche, die er freilich selbst noch lang überlebt hat. Denn er ist volle 86 Jahre alt geworden. Die letzte Marotte seines an Exentrizitäten überreichen Lebens war die theologische. Er hatte nämlich die Entdeckung gemacht, daß nicht Moses, sondern Esra die Bibel geschrieben und das Judentum begründet hat. Darauf baute er nun ein Religionssystem auf. Wenn auch von seinen vielen Werken außer den Dorfgeschichten aus dem Elsaß wohl nichts bleiben wird, so wird doch sein Name noch lange genannt werden. — Der 3. Juni bleibt ein denkwürdiger Tag in der