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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-08-01 · Heft 8 (1.8.1899) · p. Seite 180

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 8 (1.8.1899)
Date
1899-08-01
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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180 Für alle Biographen Spinozas bildeten noch immer die Lebensschildernngen von Cvlerns und Lncus die einzige Quelle und auch diese waren ihnen nur dürftig, in Auszügen und in einer Übersetzung bekannt. In den letzten Jahrzehnten ist der Stoff ziemlich bereichert worden. Herr Professor I. Freudenthal, ei» auf dem Gebiete der jüdisch-alexandrinischen, scholastischen und auch der neueren Phiosophie rühmlichst bekannter Forscher, veröffentlicht nun mit Unterstützung der preußischen Akademie der Wissenschaften eine „Lebeusgeschichte Spinozas in Quellenschriften, Urkunden und nichtamtlichen Nachrichten. Leipzig 1899." Durch die Sammlung des zum Teile veröffentlichten, zum Teile noch nicht gedruckten Materials beabsichtigt Freudenthal, „eine feste Grundlage für die noch unsicher schwankende Lebensgeschichte Spinozas zu geben." Von welcher Wichtigkeit diese Arbeit ist, beweist vor allem der Umstand, daß auch der bedeutendste Biograph Spinozas, K. O- Meinoma, in seinem „Spinoza en zijn kring” eine große Zahl von wichtigen Actenstücken noch nicht kennt und auch das Verhältnis der Quellenschriften zu einander noch nicht klar erkannt hat. Das Werk Freudenthals bietet auch eine Zahl neuer Daten. Die Grabdenkmäler des jüdischen Friedhofes zu Quderkerk, das große Gemeindebuch, klären uns über die Familie Spinozas vorzüglich auf. Sein Großvater Abraham Spinoza war aus Nantes nach Amsterdam eingewandert. Sowohl er wie sein Sohn Michael, der Vater unseres Philosophen, waren Vorsteher in der Gemeinde, und die Familie Spinozas erfreute sich daselbst eines großen Ansehens. Nur eine Schwester, Rebekka, überlebte unseren Philosophen. Interessant ist auch eine Notiz aus dem Buche der Opfergaben: „Baruch Spinoza schuldet am 5. Dezember, Sabbath der Tempelweihe, sechs Goldstückchen." Diese Notiz stammt aus dem Jahre 1655. Sieben Monate später (am 27. Juli 1656) wurde über Spinoza der Bann verhängt. Der Abfall war also gar nicht vorbereitet, eher jäh und überraschend. Von Interesse sind auch die Beschlüsse der holländischen Synoden gegen den „Tractat", der zugleich mit dem Leviathan des Hobbes und der Bibi, fratrum Polonorum, dem Hauptwerke der Socinianer, als ketzerisch und höchst gefährlich bezeichnet wird. In diesem Sinne giebt auch der Hof von Holland sein Gutachten ab, indem er den Behörden die schärfsten Maßregeln gegen die Verbreitung des ketzerischen Traktates empfiehlt. Man beschuldigte bis nun die jüdische Gemeinde in Amsterdam, daß sie Spinoza bei der Regierung verleumdet hätte. Nach den von Freudenthal veröffentlichten Actenstücken erscheint die jüdische Gemeinde gegenüber den Kirchenräthen und „freisinnigen" Synoden geradezu als im höchsten Maße tolerant. Und doch hatte ihr eigener Sohn ihr heiligstes Gut, für das die Väter vor kurzer Zeit erst geblutet, wie eine Seifenblase durch den Sturm seines Denkens zerstören wollen und es später noch oft herabgesetzt und erniedrigt. Ein Actenstück enthält auch eine Schilderung der Schule, die Spinoza in seiner Jugend besuchte. Ein Inventar über Spinozas Nachlaß schildert uns seine ärmliche Wohnung, und ein Bücherverzeichnis führt uns in seine kleine Bibliothek, die von den jüdischen Büchern biblische und

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