Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Antisemetismus in der Wissenschaft." Redner führte an der Hand einer großen Anzahl von Belegstellen aus, daß auch das wissenschaftliche Urteil, das die Aufgabe habe sachlich und objektiv die Dinge zu prüfen und darzustellen, bereits vielfach von antisemitischer Einseitigkeit und Gehässigkeit beeinflußt und infiziert sei. Das sei namentlich der Fall bei den ethischen und historischen Wissenschaften, und selbst die exakteste aller Wissenschaften, die Naturwissenschaft, habe sich bei manchen ihrer Vertreter nicht gescheut, die Juden als eine körperlich und geistig minderwertige Raee hinzustellen. Die Nationalökonomie bleibe leider hinter diesen tendenziösen Darstellungen nicht zurück. Viele Männer, deren Namen sonst einen guten Klang haben, unter anderen auch Statistiker von hervorragender Bedeutung, ließen in ihren Schriften häufig antisemitischen Unwahrheiten und Verdächtigungen den weitesten Spielraum. Gerade in der Jurisprudenz und in der Volkswirtschaft wirkten diese Anschauungen nm so gefährlicher und vergiftender, als gerade diese Wissenschaftsgebiete einen großen praktischen Einfluß auf das Volksleben ausübten. Unsere Schwäche sei es bisher gewesen, daß wir diese Spezies von Antisemitismus zu wenig beachtet oder gar ignoriert hätten. Das Versäumte müsse nun nachgeholt werden, nicht allein in unserem Interesse, sondern weit mehr noch zum Heile der Wissenschaft selber. An den beifällig aufgenommenen Vortrag schloß sich eine vom Vorsitzenden erstattete geschäftliche Übersicht. Hocherfreulich ist auch in letzter Zeit das Wachstum des Vereins gewesen, innerlich wie äußerlich ist er erstarkt. An 10000 einzelne Mitglieder gehören ihm jetzt an, 70 Gemeinden haben sich ihm korporativ angeschlossen. Von großem Erfolg begleitet waren die Versammlungen, welche der Verein vor einiger Zeit in Glogau und Frankfurt a. M. veranstaltet hat. — Der am 12. Dez. 1898 in München verstorbene Gelehrte Herr Dr. Mar Grünbanm hat durch letztwillige Verfügung seine kostbare Bibliothek, die besonders reich an sprachwissenschaftlichen, jüdisch-deutschen und jüdisch-spanischen Werken ist, dem dortigen jüdischen Litteraturvereine zugewendet. — Das Jahrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur 1899, herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland, ist erschienen. Es enthält eine Reihe interessanter Aufsätze verschiedener Autoren von Ruf, Mitteilungen aus dem Verband der Litteraturvereine und das Verzeichnis der in den Verbandsvereinen gehaltenen Vorträge. — Der Kriegerverein ,,Wilhelm" in Magdeburg hat Herrn Mar Leon in Kerlin zu seinem Ehrenmitglied ernannt. — Es giebt wohl kaum einen Philosophen, dessen Leben uns so viel Interesse abgewinnen könnte, wie das des Spinoza. Ist doch sein Leben, sein ethisches System, ins Praktische nmgesetzt, „Quell und Spiegel seiner Lehre zugleich." In der Lebensgeschichte Spinozas ist aber noch bis heute vieles nicht aufgeklärt, so seine Beziehungen zu der ihn umgebenden Welt, die Motive vieler seiner Handlungen, die Entstehung seiner Schriften. Viele Aktenstücke dieses Inhaltes sind, weil über einen Ketzer handelnd, vernichtet worden. Aus Furcht vor Verdächtigung hielten sich seine Freunde von einer Schilderung seines Lebens zurück