Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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177 nicht auch schon damals die Seele desselben war. Meine Andächtigen! Zu Abraham, unserem Ahn, sprach Gott der Herr einst: „Dein Weib Sarai nenne sie nicht mehr so, denn Sara ist ihr Name" (Gen. 17 15.) „Sarai" bedeutet: „Meine Fürstin;" „Sara" aber „Fürstin" schlechtweg. Hier haben wir das Verhältnis. So lange er, Baron Moritz Hirsch, lebte, nannte er sie, seine Gattin: „Meine Fürstin", denn er selbst wußte wohl schon damals, daß sie es sei, indes die Welt so lange kaum etwas von ihr hören durfte; als er aber hingeschieden war, da trat sie hervor, und die Welt nannte und nennt sie „Fürstin." Zugleich aber ergiebt sich uns von hier aus ein neuer Gesichtspunkt zu ihrer Würdigung, zur Erwägung dessen, was wir ihr in Besonder» zu verdanke» haben. Abraham und Sara. Von ihnen erzählt uns die Schrift auch: „Und Abraham nahm sein Weib Sarai und alle ihre Habe, welche sie erworben hatten und die Seelen, welche sie gewonnen hatten" (Gen. 12,5). Unter diese» letzteren, den „Seelen", verstehen unsere alten Weisen die durch sie für Gott gewonnenen, zu Gott bekehrten Personen aus ihrer heidnischen Umgebung. „Abraham gewann die Seelen der Männer, Sara die der Frauen." Nun denn, das gottbegnadete Paar, dem unsere gegenwärtige Trauer gilt, sie habe» auch ihre „Seelen" gewonnen. Nach hunderten zählen die von ihnen gegründeten und erhaltenen Unterrichts- und Bildungsstätten an Orten und in Kreisen, dahin ohne ihre gottvolle schöpferische Thätigkeit kein Strahl von Licht gedrungen wäre. Das ist eins. Ein zweites aber ist, daß sie beide den jüdischen Namen, wie vielleicht niemand sonst vor ihnen, zu hohen Ehren gebracht haben. Ihr wißt, was dies zu bedeuten hat, daß es für uns gleichbedeutend ist mit „Heiligung des göttlichen Namens." Und wir unserseits glauben auch stark und fest daran, daß es durchaus kein bloßer Zufall ist, daß sich der stolze Rumestitel: Größte Wohlthäter des XIX. Jahrhunderts eben an ihren jüdischen Namen knüpft. Nein, alles was wir von ihnen wissen, diese ganze Art ihrer Wohlthätigkeit vor allem, daß sie dabei zunächst, bei aller Berücksichtigung des Notstandes ihrer nächsten Schutzbefohlenen, ihrer eigenen Stammes- und Glaubensgenossen, über diese berechtigten Schranken' in weitherzigster Weise hinausgingen; ferner dieses eigenartige unermüdliche Suchen, dieses ewige Sinnen und Trachten nach stets neuen Arbeitsfeldern, wie nach der besten Art der Verwirklichung ihren edlen Absichten — wofür in unserem Talmud der Ausdruck geprägt worden ist: „Arum bejirah", d. h. „mit Scharfsinn und Tiefblick des Geistes, mit Zartheit und Energie des Gefühls" das Gute erfassen und thuu*) —; endlich diese unerreichte und unübertreffliche Freigebigkeit, aus welcher der jüdische Gedanke der „Zedaka", nämlich der, daß Wohlthätigkeit nichts anderes sei, als „Gerechtigkeit", so klar hervorleuchtet; dieses Testament ins *) Vergl. Lazarus, Ethik des Judentums, S. 85.