Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 radikale Flügel des Christentums nach der Darstellung unseres Verfassers das „radikale Judenchristentum", welches nach der herrschenden theologischen Doktrin als „paulinisches Heidenchristentum" bezeichnet wurde, sich herausgebildet hat. Die Gnostiker aber, oder nennen wir sie mit dem Talmud „Minäer," aus deren Schoß letzteres entstand, wurden später ebenso wie die strenggläubigen Talmudisten und die conservativen hellenisirenden Juden sie früher als Ketzer bekämpft hatten, von dem Christentume, nachdem dasselbe Form und Gestalt angenommen hatte, als die reine christliche Lehre verfälschende Haeretiker, welche „mit offener Stirne die fälschl i ch sogenannte Gnosis der Predigt der Wahrheit entgegenzustellen sich vermessen," auf das grimmigste verfolgt. Das Bestreben der Kirchenlehrer, welchen die Bekämpfung der Gnosis in der christlichen Zeit zufiel, ging dahin, die älteren Spuren der Gnosis zu verwischen und alle Haeresie ans dem Christentume als der primären reinen Offenbarung hervorgehen zu lassen. Kein Wunder also, daß das Band, das zwischen den vorchristlichen jüdischen Haeretikern und dem Christentume und dessen ältesten Secten bestand, zerrissen schien, zumal die wichtigsten Quellen, die talmudischen, welche bei Vergleichung mit dem philonischen Schrifttum den geistigen Zusammenhang beider zu beleuchten im Stande waren, durch die mißverständliche moderne Talmudauslegung bisher gar nicht in Betracht kamen. Daß nun dieses durch Heranziehung des bisher verkannten Talmud der Forschung neu erschlossene Feld noch einer weiteren Bearbeitung und Durchfurchung bedarf, ist selbstredend. Wir wollen mit dem Verfasser der Schrift über den vorchristlichen jüdischen Gnosticismus hoffen, daß die von ihm gewiesenen Bahnen zur weiteren wissenschaftlichen Arbeit auf diesem Gebiete anregen werden, damit das bis jetzt über die Entstehungsgeschichte des Christentums gehüllte Dunkel ins richtige Licht gerückt und der Antheil offenbart werde, den die vorangehende geistige Entwicklung an dessen Bildung und Entfaltung genommen. Je deutlicher wir diese Culturperiode kennen lernen, umso größer muß die Ehrfurcht und Achtung vor dieser gewaltigen von Juden geleisteten Geistesarbeit werden, die in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen sucht. Es ist eine überaus seltene Erscheinung, daß die Lehren der Philosophie und Wissenschaft so innig mit den religiösen Anschauungen verarbeitet werden, daß sie den allgemeinen Ausdruck des Denkens und Fühlens einer Zeit bilden und einen so tiefen Eindruck auf die Gemüter aller Zeiten machen. Je intensiver die Forschung diese Periode beleuchtet, desto herrlicher muß die bisher nur wenig gewürdigte Kulturarbeit erscheinen, welche das hellenische Judentum geleistet. Darum begrüßen wir mit Freude jeden Fortschritt auf diesem Forschungsgebiete. Wien, im Mai 1899. L. I. Marflow.