Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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143 romanischen Stiel andeutend, der nun im zurücktretenden Hauptbau eine freie phantastische Entwicklung erhält. Ueber einer zwischen reichen Strebepfeilern liegenden Vorhalle, an deren Außenwand die Gesetzestafeln prangen, erhebt sich mit großem Reize eine mächtige Fensterrose. Mit klarer Entwicklung, die RauiNconstruction bezeichnend, steigt der Bau auf zu einer von Thürmen in zwei Abstufungen flankirten pyramidenartigen Dachbildung. Eine starke malerische Wirkung wird erzielt durch die Harmonie zweier unterer mit rothen Ziegeln gedeckter Pyramiden von eigenartiger schlanker Form mit dem grünen Dache des Hauptaufbaues und den, dieses flankirend, wieder anders geformten Thürmchen. Es entsteht bei der Mischung, klar übersichtlicher Symmetrie der Baugliederung und eigenartigen malerischen Reizes ein Werk, das fremdländisch wirkt und die Phantasie nach irgend einem asiatischen Märchenlande lenkt, ein richtiger „Tempel", der aber doch wiederum nicht zügellos phantastisch wie eine Theaterdecoration wirkt, sondern eben durch die romanische Grundlage ernsten architektonischen Gehalt hat. Im Innern sehen wir einen weiten Raum, der durch eine hohe Mittelkuppel, die sich auf vier weiten Gewölben des Allerheiligsten und dreier Emporen entwickelt, eine tief berührende Feierlichkeit erhält. Von großer künstlerischer Bedeutung sind die die Wände völlig bedeckenden Malereien nach Entwürfen des Professors Schaper in Hannover. An den alten, für Decorationsmalerei neuerdings sehr beliebt gewordenen Raveunastyl anknüpfend, geben diese Malereien in einem Wechsel zweier Hallpttöne, blaugrün und mattziegelrot, eine edel ruhige Stimmung, auf der sich teils leicht anmutende, geometrische Motive, teils massig wirkende Pflanzenmotive entwickeln. Diese Pflanzenniotive geben mit Vorliebe die Palme in reichen Windungen und Wendungen so in den Zwickeln, aus Vasen aufsteigend und sich federartig krümmend. Reizend sind die grünen Gurten in der Kuppel, die in Blütenbüschel auslaufen. Die Kuppel hat einen besonderen Schmuck in runden farbigen Glasfenstern mit juwelenartig leuchtendem Zierwerk. Die große Rose und andere Fenster sind aus amerikanischem Opalglas mit Pflanzenmotiven. Das Allerheiligste zeigt eine Balustrade aus weißem Donaukalkstein, die Kanzel und eine Wand mit der eingelassenen Bundeslade aus weißem bayrischen Marmor, mit gelbem und schwarzem Marmor ausgeziert, und auf der Höhe der Wand und der heiligen Lade reiche Vergoldung. Romanische Säulenstellungen tragen die offenen hochhalligen Frauenempore zu beiden Seiten und die Kinderempore gegenüber dem Allerheiligsten. Die Synagoge faßt 1400 Sitzplätze und hat noch neben dem Haupttempelraum eine ganze Reihe uothwendiger Nebenräume. Sie ist ein Bauwerk, das ein fesselndes und siegreiches Bild der modernen Architektureutwicklung giebt und Zeugniß ablegt für den ernsten Sinn und den sicheren künstlerischen Blick, der jetzt durchgedrungen ist.