Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969872--5722-2975034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
137 unterscheide. Der Central-Verein sei kein Appendix irgend einer politischen Partei. Die Gleichberechtigung der Juden sei unzertrennlich von dem liberalen Gedanken, aber die Juden könnten nicht ihre Gleichberechtigung so lange antasten lassen, bis die Morgenröte des Liberalismus wieder sichtbar werde; sie könnten auch bei einzelnen für das Judentum wichtigen Spezialfragen nicht den liberalen Prinzipien vollständig Rechnung tragen. Bezüglich des obligatorischen Religionsunterrichts, der Bestrafung der Religionsbeschimpfung, der Beschlagnahme der Boykott-Flugblätter u. s. w. stünde man vor der Frage, ob nicht jetzt die Gleichberechtigung wichtiger als die Freiheit sei. Wie der Central-Verein keinen parteipolitischen Charakter habe, so sei er auch nicht parteireligiös, weder reformerisch noch orthodox, sondern ein neutraler Boden für alle deutschen Juden, die gegen den gemeinsamen Gegner fest zusamnienstehen und in der Stunde der Gefahr alle Meinungsverschiedenheiten ebenso bei Seite lassen müssen, wie jeder innere Zwist schwinden soll, wenn das Vaterland durch den äußeren Feind bedroht wird. Der Redner verwies dabei auf das, was der Central-Verein in voller Erkenntnis der Wichtigkeit einer Verinnerlichung des Judentums, der Kenntnis seiner Geschichte und Ethik, zur Abwehr der wider das Schächtverfahren gerichteten Angriffe geleistet hat und wie in Berlin, Posen u. a. O. Strenggläubige uud Freisinnige sich als Mitarbeiter des Central-- Vereins bewähren. Der Verein sei eine Vereinigung deutscher Männer; er sei nicht zionistisch; er erkenne den Stolz und das Selbstbewußtsein an, welche die Zionisten beseele, aber er halte es für falsch, bei schlechter Behandlung seitens des Vaterlandes diesem zu schmollen und den Coriolan zu spielen. Wir wollen uns nicht böse abwenden, wenn man uns einmal schlecht behandelt, sondern Liebe zu erringen oder doch zu verdienen suchen. Wir stehen auf deutsch-nationalem Boden; das Judentum ist uns eine Glaubensgenossenschaft, keine Nation! Aber wir fassen alle Juden zusammen, wo es sich um die Fragen unseres Rechts handelt; uns darf keine Mainlinie, keine Elblinie trennen, wenn es gilt, unser Heiligstes vor Schaden zu bewahren.! Als Mittel gelten dabei der Rechtsschutz und die Aufklärung. Der Vortragende beleuchtete nun zunächst die Leistungen des Vereins auf dem Gebiete des Rechtsschutzes, die erzielten wirkungsvollen Reichsgerichtsentscheidungen, die Wichtigkeit der Sammlung des Materials, die Überwachung der antisemitischen Presse, die Bedeutung der Antisemitenblättern aufgedrnngenen Berichtigungen und die Nichtigkeit des Vorwurfs des „Denunziantentums." Daran schlossen sich Mitteilungen über den Verkehr mit den Verwaltungsbehörden, über das Verhalten der Vereinsmitglieder bei verschiedenen Wahlen, über die Förderung der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur, für Bodenkultur, für Ahlem u. a. m. durch den Central-Verein. Der Redner streifte dann auch die Äußerungen des Unterrichtsministers über die Empfindungen christlicher Eltern den jüdischen Lehrkräften gegenüber und betonte, daß es bei richtigem Empfinden und Verständnis für die Ethik des Judentums gerade die Aufgabe der Verwaltung gewesen wäre, nicht dem