Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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136 ist sehr bald angefochten worden; woher diese Bewegung kam, wie sie entstand, ist gleichgültig; sie ist da und muß in Betracht gezogen werden. Erst zeigte sich der ästhetische, dann der geschäftliche Antisemitismus, und schließlich wurde eine große soziale Frage daraus. Ans der Befehdung der Einzelnen wurde ein Kampf gegen die Gesammtheit, ein Rassenkampf — und heute gilt den Antisemiten alles, >vas mißfällt, als „jüdisch": Schmutz und Pracht, Sozialismus und Kapitalismus — kurz die ganze Misere des Daseins legt man den Juden zur Last. In Wirklichkeit hat sich der Antisemitismus zur „Sozialdemokratie des beschränkten Mannes" ausgewachsen. Er hat den Zenith vielleicht schon überschritten, aber wenn auch der Radau nachließ, die Verwirrung der Geister ist geblieben. Man mag über die Bestrebungen lächeln, welche auf die Aufhebung des Toleranzgesctzes, die Konfiskation des jüdischen Vermögens, ans Ausweisungen u. dgl. in. abzielen, aber tiefernst sind die Dinge, welche die antisemitische Verhetzung bereits durch Vergiftung der Gemüter, durch verleumderische Beeinflussungen, durch rastlose Massenverbreitung fanatisierender Legenden schon zu Staude gebracht hat. Der Vortragende begründete diese Behauptung durch Hinweise auf die Entstehung und den Verlauf des Buschhof-Prozesses, des Fleischbcsudelnngs-Prozesses, durch die Beurteilung der von Theodor Fritsch verfaßten beschinipfenden Flugblätter, durch die beständige antisemitische Terrorisierung der Verwaltungsbehörden und die abfälligen antisemitischen Urteile über die Rechtspflege, sobald ein antisemitisches Delikt zur Bestrafung gelangt, oder eine Anklage wider einen Juden zu keiner Verurteilung führt. Nicht minder betrübend sei die Einwirkung der antisemitischen Bewegung auf die Juden selbst, von denen dadurch viele übermäßig reizbar werden, verbittert das Vertrauen zum Staate verlieren, andere wiederum sich selbst oder auch nur ihre Kinder durch die Taufe der Verhetzung zn entziehen suchen. Solchen Übelständen gegenüber bedurfte es einergroßen, mächtigen Gegenstömung, eines Zusammenfassens aller unter den deutsche» Juden vorhandenen Kräfte, um unsere heiligsten Güter mit allen durch Verfassung und Gesetz gebotenen Mitteln zu schützen. Wir thun uns zusammen, nicht um jüdische Interessen zu fördern, sondern lediglich weil wir als Gesammtheit uns besser wehren können und nur auf so lange, als wir angegriffen werden. Die Notwendigkeit planmäßiger Abwehr wurde leider zn spät erkannt. Zuerst trat der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" dadurch in's Leben, daß eine Anzahl christlicher Männer auf Grund ihrer liberalen Anschauungen au dem antisemitischen Treiben Anstoß nahmen; später das „Komitee zur Abwehr", ein kleiner Kreis jüdischer Männer, welche die judenfeiudliche Bewegung ebenfalls zu bekämpfen suchten. Der Redner zollte den Leistungen beider Vereinigungen volle Anerkennung und wies dann darauf hin, daß der noch später, erst vor ca. 6 Jahren begründete Central-Verein das Wirken der beiden Institutionen ergänze, indem er sich vom Abwehr-Verein durch den Grundsatz der „Selbstverteidigung", vom „Komitee" durch das Wirken „im Lichte der Öffentlichkeit" und den mächtigeil Eindruck der Bewegung der Massen