Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 135 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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135 WonaLsschau. Bei der Grundsteinlegung für eine neue katholische Kirche in Nürnberg, wobei auch die protestantische und israelitische Geistlichkeit vertreten war, hielt Herr Erzbischof Dr. v. Schork eine Anspache, die wegen ihrer beherzigenswerten Worte tiefen Eindruck machte. Mit Anerkennung hob er hervor, daß die Spenden zum Bau der Kirche von Angehörigen aller Confessionen geflossen seien. Er bemerkte da»», man spreche in unseren Tagen oft von Toleranz, ihm genüge aber nicht Toleranz. Der Ausdruck Toleranz leite sich von dem Worte tolorare ab, welches gleichbedeutend mit „ertragen" sei. Der Katholik solle aber die Nichtkatholiken nicht als ein Übel betrachten, das zu ertragen sei, er solle auch dem Nichtkatholiken die Liebe, die ja jedem Nächsten zu bezeigen sei, entgegenbringen. — Man berichtet aus Berlin: Herr Dr. Ludwig Dambrrger hat in seinem Testamente dem hiesigen Asylverein für Obdachlose ein Legat von 20000 Mark vermacht, dessen Annahme der Verwaltungsrat unter dem Ausdruck lebhaften Dankes in der letzten Sitzung beschlossen hat. — Der Tod des ehemaligen Reichsgerichtspräsidenten Herrn Dr. Eduard Simson wurde von allen Parteien beklagt. Der Heimgegangene ist aus dem Jndentum hervorgegangen auf das er sogar mit Stolz hinwies. Als Herr v. Bismarck im Erfurter Parlamente sich deni Ordnungsrufe des Präsidenten wiedersetzte, weil er Jude sei, antwortete Simson mit den Worten: „Sie sind stolz auf Ihre Herknnft, auf Ihren alten Adel, ich auch — zumal ich mütterlicherseits zu jenem Priesterstamm gehöre, de» Gott selbst geadelt hat." — In Frankfurt a. M. hielt Herr Rechtsamvalt Dr. Eugen Fuchs in der Versammlung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die sehr besucht war, einen sehr beifällig ausgenommenen Vortrag über das Thema: „Was thut not", den wir hier auszüglich folgen lassen: Weil das Wort von Mund zu Ohr ergreifender wirke als irgend eine Schrift, sagte der Redner, wolle er hier mündlich darlegen, was uns in dieser Zeit der Not das Herz bewege, wolle er beweisen, daß zarte Geduld in der Gegenwart der Juden höchster Trumpf nicht sein könne. Als ein Kind der schweren Zeit sei der Central-Verein entstanden, weil man die Nothwendigkeit erkannte, daß derjenige sich wehren müsse, der angegriffen werde. Wir wollen keine Vorrechte, keine Sonderrechte, sondern nur Erhaltung des durch Gesetz und Verfassung verbrieften Rechts, das uns auch nicht auf dem Wege der administrativen Praxis geschmälert werden darf. Das Gesetz vom 3. Juli 1869, das nicht als ein Akt der Willkür, sondern nur als der Niederschlag einer tausendjährigen Kultur entstand, soll endlich eine Wahrheit werden. Nicht nach der Landsmanschaft, nicht nach dem Religionsbekenntniß, sondern nur nach dem Wesen der eignen Persönlichkeit soll der Mensch im Deutschen Reiche bewertet werden. Hier soll es nicht Patrizier und Plebejer, nicht Staatsbürger erster und zweiter Klasse geben. Das Gesetz vom 3. Juli 1869