Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969872--5718-2975030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
133 die Choralmclodie von „eine feste Burg" anklingt. Wir haben lediglich zu fragen, ob Textdichter und Komponist es verstanden haben, die erschütternden Vorgänge eines der folgenreichsten Geschehnisse in der Weltgeschichte uns lo menschlich nahe zu bringen, daß wir sie in Ergriffenheit und Anteilnahme gleichsam wieder miterleben. Das ist beiden in glänzender Weise gelungen, und sicherlich ist die Wirkung eine viel reinere und tiefere, als der Gottesdienst am Tischo beab sie in mancher unserer Synagogen hervorbringt, in der jene nicht minder ergreifenden Klagelieder unserer Dichter und Sänger durch ihre maßlose Häufung und das übliche, verstand-' nislose Heruntersagen um ihren schönsten Eindruck gebracht werden. Ein gut Teil der nachhaltigen Wirkung, welche das Oratorium ausgeübt hat, kommt schon auf Rechnung des von Prof. Leopold Gerlach in Dessau verfaßten Textbuches. Dem Bearbeiter schwebte das bekannte Gemälde Kaulbachs vor, und es darf aus diesem Grunde nicht Wunder nehmen, daß es nicht an einzelnen christologischen Zügen fehlt, die sogar wie in der eingeflochtenen Ahasverscene, die sonst konsequent fortschreitende Handlung störend unterbrechen. Aber selbst für uns mag das zurücktreten vor der Sprachgeschicklichkeit und poetischen Gewandtheit, mit welcher ver ganze Text einzig auf Grund des alttestamentarischen Bibelworts zusammengestellt ist. Die Kraft, die in der Sprache unserer Propheten sich birgt, und die Tiefe ihrer Bilder und Worte hat hier einen neuen, glänzenden Sieg gefeiert. Ganz besonders sind die wundervollen Prophetensätze, welche der Textdichter den Erzengeln in den Mund legt, packend und dramatisch wirkend, und es ist erklärlich, daß sie sich auch in der Hand des Komponisten zu kostbaren Perlen musikalischer Darstellung umgewandelt haben. Vom ersten Auftreten dieses Trios, da die ergreifenden Worte Jeremias: „So spricht der Herr: was ich gebauet habe, brech' ich ab, >vas ich gepflanzt, das reut ich aus", die Endkatastrophe ankündigen, bis am Schluß aus seiner Mitte die tröstliche messianische Verkündigung ertönt: „Der Israel zerstreuet, der wird es auch sammeln wieder, und wird seines Volkes Hüter, gleichwie seiner Herde ein Hirt", verkörpert sich vor dem Geistesauge des Hörers das Bild der alten Prophetenzeit, da warnende Gottesstimmen Israel zur Buße und Umkehr mahnten. Die Handlung selbst schließt sich an historische Vorgänge an, freilich mit dem unbestrittenen Recht des Dichters, der es nicht allzugenau damit zu nehmen braucht. Ein römischer Herold fordert im Auftrag des Kaisers Nero die Aufstellung und göttliche Verehrung seines Bildes im Gottestempel zn Jerusalem. Männer und Frauen in Israel weisen entrüstet solch' Ansinnen zurück und sind, vom Hohenpriester in heiligen Eifer aufgerüttelt, bereit, sich gegen den Tyrannenbefehl zu ivehren. Da verkündet ein Bote Neros Selbstmord und berichtet vom Aufstand im ganzen Reiche, auch in Galliläa. Noch einmal ist Israel gerettet, und des Psalinisten Worte aus dem Munde des Boten: „Dem Vogel gleich, der des Voglers Strick entronnen, ist unsere Seele erlöst; der Stick ist zerrissen und wir sind frei",