Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Auf die Entstehung des Christentumes hingegen hätte die Gnosis keinen directen Einfluß genommen. Daß aber die gnostischen Schulen, wenigstens die wichtigsten und die bedeutendsten, schon zur Zeit der Entstehung des Christentumes in der alexandrinischen und palästinensischen Judenschaft vollständig ausgebildet waren und hier gerade wie später im Christentume einen radikalen mit ebensolcher Heftigkeit bekämpften Flügel bildeten; daß also die Gnosis im Judeutume ebenso als ketzerisch wie später im Christentume betrachtet und mit den schärfsten Mitteln verfolgt wurde; daß ferner die Hauptlehren der jüdischen alexandrinischen Schule auch im Christentume Aufnahme und ebenso die radicalen Strömungen der gnostischen Schulen im Christentum ihre Fortsetzung fanden, ist eine Errungenschaft, die eine neue Perspective in die Entstehungsgeschichte des Christentums eröffnet und uns zeigt, wie die in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten herrschende gewaltige geistige Bewegung sich in diesem wiederspiegelt, so daß das Christentum uns als historisches Produkt einer Zeit entgegentritt, die in ihrer immensen Geistesarbeit geradezu wunderbar wirkt. Diese Erkenntnis eröffnet uns erst das Verständnis für diese bisher in tiefes Dunkel gehüllte Geschichtsperiode. M. Friedländer hat in seiner Schrift über den Gnosticismus *) neues Licht über diese wunderbare Zeit verbreitet und ist unseres Wissens der erste, der hier neue Bahnen erschlossen. Schon in seinen früheren Schriften über die Entstehungsgeschichte des Christentums * 2) hat er auf Grund seiner philonischen und patristischen Studien den Zusammenhang des Christentums mit den geistigen Strömungen in der alexandrinischen Judenschaft gezeigt und die Ansicht vertreten, daß die christliche Bewegung in den jüdischen Synagogen, in welchen die alexandrinische Lehre über den Logos und die göttlichen Mittelkräfte verbreitet wurden, ihren Ursprung hatte. Er hat in den jüdischen Orden der Essener und Therapeuten die Vorläufer der christlichen Bewegung erblickt und die Strömungen der jüdischen Diaspora gezeichnet, die den Typus zu dem späteren Judenchristentum und Heidenchristentum gaben, so daß er seine Untersuchungen in das Resume zusammenfaßte: „Es werde in den neutestamentlichen Forschungen nicht mehr wie bisher von einem Judenchristentum und einem „„von Paulus begründeten Heidenchristentum,"" sondern von einem conservativen Judenchristentum und einem radicalen Judenchristentum die Rede sein." Durch den Widerspruch der Kritik, als hätte er seine Behauptungen nicht hinreichend bewiesen, und als ob das gesetzesfeindliche paulinischeChristentum überhaupt unjüdisch wäre, sah sich der Verfasser zu weiteren Forschungen auf diesem Gebiete angeregt, wobei sich ihm für seine Behauptungen neue Beweismittel darboten, die ganz neue Perspectiven eröffneten. Während er bis jetzt die Therapeuten als etwa die radicalste ') Der vorchristliche jüdische Gnosticismus, Göttingen, bei Vanderhoeck und Ruprecht 1898. 2) Zur Entstehungsgeschichte des Christentums, Wien bei Alfred Hölder 1894. Das Judentum in der vorchristlien griechischen Welt, Wien bei M. Breitenstern 1897.