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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-06-01 · Heft 6 (1.6.1899) · p. Seite 130

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 6 (1.6.1899)
Date
1899-06-01
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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130 Christeiitiimes genommen, wurde bis jetzt nicht nur verkannt, sondern fast allgemein bestritten. Wurde doch der Gnosticismns nach der herrschenden Anschauung als erst aus dem Schoße des Christentumes hervorgegangene Häresie behandelt und die Gnostiker von den Kirchenschriftstellern als christliche Häretiker auf das heftigste bekämpft. Die Kenntnis der gnostischen Litteratur und der gnostischen Lehren mußte aus zweiter Hand geschöpft werden, und zwar ans den Schriften derjenigen Schriftsteller, welche die gnostischen Lehrmeinungen zu widerlegen suchten. Die Schriften der Gnostiker selbst wurden geflissentlich unterdrückt und nur sehr geringe Überbleibsel geben directes Zeugnis von ihnen. Allerdings haben sich manche Forscher der Einsicht nicht verschließen können, daß die gnostischen Lehren auf ältere Spuren zurückführen und schon in Alexandrien und Palästina in einer viel älteren Zeit unter dem Einflüsse eines Synkretismus orientalischer Anschauungen, mosaischer Lehren und griechisch-platonischer Philosophie entstanden sind. Dieses folgte schon aus einer bloßen Betrachtung der gnostischen Lehren, wie sie aus den Schriften ihrer Bekämpfer reconstruirt werden konnten. Eine Herstellung der Meinungen der Gnostiker und ihrer Schulen mußte zeige», daß der Gnosticismus eine zur Religion erstarrte Philosophie war und philosophische Speculationeu der griechischen hauptsächlich platonischen Schule den orientalischen Religionen aufgepfropft hat. Während also die Gnostik und der Gnosticismns von manchen bedeutenden Forschern, wie Jacques Matter schon früher als alt und im Oriente wurzelnd angesehen wurde und gnostische Elemente schon bei Philo und Aristobul nachgewiesen wurden, ging doch die herrschende Lehre dahin, daß der Gnosticismus erst ein Produkt des Christentumes und erst aus dessen Schoße hervorgegangen sei. Die Gnostiker seien erst in der christlichen Ära entstandene Häretiker, welche die reine christliche Lehre verfälschten und in dieselbe ihre Doctrinen einschmuggeln wollten, so daß' deren Bekämpfung erst eine der wichtigsten Aufgaben der christlichen Kirche und ihrer Schriftsteller wurde. Ältere Spuren der Gnostik hätten mit der christlichen Gnosis nichts zu thun. Es seien bloß durch ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen hervorgerufen worden. Selbst aber jene verhältnismäßig vorurteilslosen Schriftsteller, welche wie Matter ihre Augen vor der Thatsache, daß die Spuren der Gnosis weit zurückreiche», nicht verschlossen, haben wohl zugegeben, daß die gnostischen Lehren schon vor dem Christentume entstanden waren, die Ausbildung der gnostischen Schulen aber, wie sie die Kirchengeschichte zeigt, sei erst mit der Entstehung des Christentumes erfolgt durch Infiltration der christlichen Gemeinden mit gnostischen Lehrmeinungen und Anhängern der gnostischen Spekulation. Die Gnosis hätte somit wohl einen Einfluß auf die Entwicklung des bereits entstandenen Christentumes durch Modificationen der reinen Lehren desselben geübt, so daß die christliche Lehre, die unabhängig von der Gnosis entstanden, durch Bekämpfung derselben erst in ihrer Reinheit und Erhabenheit wieder hergestellt werden mußte.

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