Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 bekunden, daß der Talmud, ohngeachtet er die tranrigsten Schicksale erfahren, noch immer die denkenden Köpfe beschäftigte. Er war bereits so innig mit dem Judentum verwachsen, daß die gewaltsamsten Mittel nicht vermochten, ihn gänzlich demselben zu entfremden. Mit der Verbannung der Juden aus Frankreich (1306) wurde natürlich auch der Talmud mit verbannt; aber dessen Geist aus dem gesummten Judentum zu tilgen, das konnte weder der Gewalt der Regenten noch kirchlichem Fanatismus und den Anstrengungen boshafter Apostaten und Renegaten gelingen. Noch lebten in Spanien, wenn auch nicht ganz unangefochten, jedoch in erträglicher Duldung Talmudgelehrte von scharfem Verstände, von energischer Thatkraft und daher von segensreicher Wirksamkeit. Freilich blieben die Juden auch hier nicht lange von dem kläglichen Mißgeschick verschont, das sie im Mittelalter unter den verschiedensten Farben und Gestalten heimgesucht hatte. Auch diese blühende Stätte verödete, und das Talmndstudium, welches in Frankreich, Deutschland, Spanien und zum Theil in Italien reiche und reife Früchte getragen hatte, sank auf lange Zeit, bis es gegen Ende des Mittelalters aus seinem Scheinleben wieder erwachte, und von Ungarn und Oesterreich aus der Antrieb zu einer neuen Entwicklung gegeben wurde. Doch auch bis dahin hat es nicht ganz brach gelegen, obgleich die Kabbala, welche schon als anerkannte Macht unter den andern Wissenschaften auftrat, die bedeutendsten Denkkrüfte absorbierte. Aber als die Schatten dieser düsteren Zeit wichen, gingen die Juden wieder zu ihrer ewig frischen Quelle zurück und schöpften aus ihr heilsamen Trost und neu belebende Kraft. Wieder fand der Talmud reiche und sorgsame Pflege. Sein Geist weckte und belebte wieder alle denkenden jüdischen Köpfe. Er zeigte, wie ohnmächtig an ihm vorübergegangen sind der Zeiten stürmische Wogen, der Menschen tückisches Sinnen. Wieder erstarkten auch die Bekenner des Judentums in dem hohen Selbstbewußtsein, welches ihre Lehre ihnen verleiht, und bewiesen der Welt, man könnte sie niedrig behandeln, aber nicht erniedrigen. Der Gnosticismus in vorchristlicher Ieit. Die große Bewegung der Geister, aus welcher endlich eine neue Weltreligion hervorgegangen und der eine historische Bedeutung von ungeahnter Tragweite innewohnte ist leider noch vielfach in ein mystisches Dunkel gehüllt und bietet der Forschung ein weites Feld, dessen Bearbeitung von eminenter Wichtichkeit und hervorragendem Interesse ist. Der Anteil, den der Gnosticismus, jene theosophische Lehre, welche einen so tiefen Eindruck auf die Gemüter gemacht, und deren glänzende Dialektik so bestechend auf die besten Männer gewirkt, die aber auch auf das Grimmigste verfolgt wurde, dieser Anteil, den der Gnosticismus an der Entstehung des