Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 einigermaßen abzuhelfen, wurde mit den Juden und ihrer Habe so willkürlich geschaltet, daß später der König selbst darüber Reue empfand?) Die jüdischen Gemeinden waren durch Steuern und Erpressungen so sehr verarmt, daß Jechiel nicht mehr die Talmudschule durch ihre Geldmittel aufrecht zu erhalten vermochte und sich genötigt sah, zu deren Erhaltung beträchtliche Geldsummen aus Palästina und den Nebenländern holen zu lassen?) Doch als er einsehen mochte, daß unter solchen Umständen selbst das energischste Handeln zu keinem erfreulichen Ziele führte, verließ er seine Heimat und ging nach Palästina. Nicht lange darauf, im Jahre 1259, starb er in Jean d’ Acre. Basnage bringt die Abreise Jechiels mit der Disputation in Verbindung und meint, wenn er es auch etwas verhüllt ausdrückt, dieser habe bei der Disputation die Sache der Juden so schlecht vertreten, daß er beschämt über den unglücklichen Ausgang derselben nach Judäa wanderte?) Hätte Basnage die vorhandene „Disputation des R. Jechiel mit Nikolaus" (Wikuach), die einzige Quelle für diese Begebenheit gelesen, so würde er gesehen haben, daß ihm die Disputation durchaus nicht mißlungen ist, und daß seine Gegner den Widerlegungen und Einwänden nie etwas Wesentliches entgegenzusetzen gewußt haben. Überdies hat Jechiel sich noch viele Jahre nachher in Paris aufgehalten. Aus dem Gesagten ersieht man nun, daß es trotz der großen Anstrengungen, welche von einzelnen ausgezeichneten Männern um die Hebung des mehr und mehr abnehmenden Interesses für das Talmudstudium gemacht worden sind, bei dieser Lage der Dinge nicht möglich war, demselben in Frankreich eine bleibende ruhige Stätte zu gründen, wo es in ungestörter Sicherheit und durch kräftige Pflege wieder aufleben würde. Auch nach dem Tode Ludwig's traten für die Juden in Frankreich keine bessere Tage ein. Ihre Verhältnisse wurden vielmehr immer schwieriger und trostloser. Der letzte Kreuzzug des Königs, von dem er nicht wieder zurückgekehrt ist, und welcher nach Voltaire’s ungefährer Berechnung zum Mindesten zweihundert Millionen Livres verzehrt hatte?) versetzte das Land abermals, nachdem es sich von den den schädlichen Nachwirkungen des ersten bereits erholt hat, in die drückendste Not. Die Juden mußten natürlich dabei unsäglich viel leiden; und es trat bei ihnen in Folge dieser Entkräftung ein gewisser Stumpfsinn und Jndifferentismus gegen alles Höhere und Edlere ein. Dennoch befanden sich bei der Vertreibung der Juden aus Frankreich unter Philipp dem Schönen noch mehrere Talmudkundige. Männer wie Aaron Kohen aus Lünel, der Märtyrer Eliesar b. Joseph aus Chinon, welcher noch eine ziemliche Jüngerschar um sich versammelt hatte, und dessen kenntnißreicher Schüler Estori Parchi *) De Lauriere Ordonnances des rois de France p. 85. 2) Carmoly, Itinöraires p. 183. b- Basnage, Histoire des luifs V. p. 1813. 4) Voltaire, Essai sur les moeurs et l’esprit des nations (Gotha 1785) p. 164.