Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-06-01 · Heft 6 (1.6.1899) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 6 (1.6.1899)
Date
1899-06-01
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969865-2969872--5711-2975023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

126 in Frankreich sehr betrübend. Und wenn auch noch Exemplare von den verbrannten Schriften, welche die Häscher nicht ausfindig machen konnten, in den Händen der Juden geblieben sind, was sich aus der mehrfach wiederholten Einschärfung der diesbezüglichen Edicte schließen läßt und aus dem Briefe Odo's an den Papst Jnnocenz IV. deutlich hervorgeht, so war der Mangel an den nötige» Büchern doch so äußerst fühlbar, daß die Gelehrten über die gewaltigen Hindernisse klagten, welche dieses Studium so sehr erschwerten?) Die notwendige Folge war, daß die rege Tätigkeit, welche dasselbe in Frankreich bis zu einer ungewöhnlichen Blüte entfaltet hatte, sichtlich abnahm. Dazu kam auch noch die tägliche Verschlimmerung ihrer gesellschaftlichen Stellung in Folge der Beschlüsse der Concilien und der gegen sie verschärften Gesetze und Maßregeln der Regierung. Aber selbst diese drückenden Beschränkungen hätten auf die an's Dulden gewöhnten Juden nicht so tief empfindlich und folgenschwer eingewirkt, wenn sie nur vor Willkür und Herrscherlaune sicher gewesen wären. Doch dem rechtlosen Juden gegenüber war jeder Gewaltact erlaubt. Als dem frommen und wegen seiner Gerechtigkeitsliebe gepriesenen französischen Könige zu seinem Kreuzzuge nach Palästina Geld mangelte, griff er zu dem im Mittelalter nicht selten angewandten Mittel der Machthaber, wenn sie ihre leeren Staatskassen wieder füllen wollten; er ließ ohne weiteres von mehreren Juden die Güter confisciren?) Aus seiner saracenischen Gefangenschaft erließ er plötzlich, aus einem lächerlichen Anlasse, ein Edict, daß alle Juden, die Handwerker und Gewerbtreibenden ausgenommen, aus seinem Lande getrieben werden sollten?) Durch solche haltlose, schwankende Verhältnisse von der einen und die gewaltsame Hemmung ihrer geistigen Thätigkeit von der andern Seite sind den französischen Juden die Schwingen des Geistes gelähmt worden; Ohnmacht und mattes Hinbrüten trat an die Stelle des regsamsten Fleißes, der frischesten Lebenskraft. Zwar konnte in einem Lande, wo Raschi seine Ungeheuern, bewundernswürdigen Arbeiten vollführt hatte, wo die Tossafot aus dem emsigen Bemühen vereinter Kräfte um die gedankliche Klärung und Erfaßnng des Talmud hervorgegangen sind, der talmudische Geist nicht leicht erlöschen. Hier haben zahlreiche und berühmte Schulen die Liebe für das Talmudstudium geweckt und genährt, und ihr Einfluß war von nachhaltiger Wirkung. Wir finden daher noch inimer erfreuliche Zeichen des eifrigsten Bestrebens, das sinkende Interesse dafür zu heben und seinem gänzlichen Verfalle und, was damit zusammenhängt, dem Verfalle der religiösen *) Responsa R. Mei’r Rothenburg m 250. a) Depping, Les Iuifs dans le moyen age, p. 1*26. 8) De Lauriöre, Ordonnances des rois de France de la troisiöme race p. 85 und p. 75, m 32. Die Vertreibung hat aber erst nach der Rückkehr des Königs stattgefunden. Denn die Königin-Mutter, eine Frau von Einsicht und Charakterstärke war den Juden, welche sie am Hofe ihres Vaters Alphons IV. von Castilien in hohen Wurden gesehen hatte, nicht so abhold und verhinderte in der Abwesenheit ihres Sohnes die Ausführung des Decrets.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.