Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1899)
- Date
- 1899-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Ein glückversprechender Anfang ist bereits gemacht. Ein menschenfreundlicher Berliner Glaubensgenosse, Herr Ludwig I. Meyer, hat sich bereits dem Vorsitzenden der Commission gegenüber schriftlich verpflichtet, ein circa 5 Morgen großes in Weißensee bei Berlin gelegenes Terrain für die Errichtung einer jüdischen Arbeitsstätte bezw. eines Asyls zur Verfügung zu stellen unter der Bedingung, daß das Capital z»m Aufbau und zur Einrichtung eines zweckmäßigen Gebäudes herbeigeschafft wird. Wir gestatten uns auf die besonderen Vorteile hinzuweisen, die auS der günstigen Lage der ersten zu begründenden israelitischen Arbeitsstätte in der unmittelbaren Nachbarschaft der Reichshanptstadt hervorgehen. Die Inländer, Wanderbettler wie auch entlassene Strafgefangene, können hier bis zu ihrer Unterbringung in geeigneter Weise ausgebildet, beschäftigt und moralisch gekräftigt werden. An Arbeit wird es, dank dem beabsichtigten Zusammenwirken mit dem über reiche Erfahrung und zahlreiche geeignete Angebote verfügenden „Verein für Arbeitsnachweis" und der „Fürsorgekvnimission" nicht fehlen, da werden zahlreiche Personen für die von Geschäftshäusern ausgesandten Millionen von Offerten die Adressen zu schreiben bekommen; da werden sonstige Thätigkeiten ausgeübt werden, die leicht zu erlernen sind und die einen Absatz in großen Quantitäten finden: z. B. die Anfertigung von Strohhülsen für Flaschen, Fabrikation von Cigarren und Cigaretten, von Bürsten — Holzhacken, (Leute die eine gewisse Fertigkeit erlangt haben, finden Beschäftigung auf Holzplätzen) Flechten von Körben, von Stroh- und Tuchdecken, Herstellung von Klempnerartikeln wie Büchsen und Eimer; für das weibliche Geschlecht: Federnschleißen, Säckenähen, überhaupt grobe Näharbeit, Strümpfe stricken, Knöpfe machen und ausreihen n. s. w. Alles dies sind Arbeiten, die in Anstalten leicht erlernt werden, und wegen ihres geringen Ertrages den deutschen Arbeitern keine Concurrenz bieten, wohl aber als Vorstufe dienen können, uiu die für spätere feste Beschäftigung erforderliche Arbeitstüchtigkeit zu erwerben. Erfreulicherweise ist das zur Verfügung gestellte Terrain groß genug um auch einer Anzahl kräftigerer Leute Beschäftigung in Garten- und Landarbeit zu geben und diese zn befähigen, sich erforderlichenfalls z. B. in der Ernte für die Landwirtschaft nützlich zu machen. Selbstverständlich ist bei allen Beschäftigungen die strengste Rücksicht auf die Sabbathfeier zu nehmen, wie auch die Verpflegung den rituellen Vorschriften anzupassen ist. Soviel von den arbeitsfähigen Inländern, die in der Arbeitsstätte Obdach, Verpflegung und Gelegenheit zur Ausbildung und Anstellung in einem ihren Fähig- - leiten angemessenen Berufe finden sollen. Denjenigen Ausländern, deren Aufenthalt im deutschen Reiche gesetzlich ein Riegel vorgeschoben ist, soll das Asyl als Durchgangsstation dienen, von der aus sie auf kürzestem Wege dem Hafenplatze zugeführt werden. Hierdurch wird diesen Unglückliche» eine große Wohlthat erwiesen werden, denn bisher waren sie vielfach