Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1899)
- Date
- 1899-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 jedoch bedenkt, daß diese ihm ureigne Schöpfung sein Leben in allen Lagen und Gemütsstiinmungen abspiegelt und daher in allen Ländern, wo Juden sich einheimisch gemacht haben, das feste Band bildete, welches die gesonderten Glieder im Gefühle der Zusammengehörigkeit an einander schloß, daß der Talmud ihnen zum Heiligtume geworden ist, in welches der Jude in seinem frühesten Alter eingetreten ist, um es bis zu seinem Lebensende nicht zu verlassen; ein tiefes gedankenreiches Studium, welches seinen Verstand und seinen Blick eben so sehr für die Außenwelt schärfte, als für das speculative Denken, und das buchstäblich „nicht wich von ihm bei Tag und bei Nacht", daß ihm aus dieser Geist und Gemüt erfrischenden Beschäftigung jene Heiterkeit des Temperaments erblühte, welche ihn vergessen ließ an Druck und Knechtung, an seinen von der Bosheit angehefteten Schandfleck, jene verjüngende Kraft, jene Hoffnungen und Ideale, welche nach jedem herben Schlage ihn wieder aufrichteten und neu belebten; wer alles dies erwägt, wird ermessen können, was die Entziehung dieses seines Schrifttums für das Judentum bedeute. Bei einem andern Volke hätten solche unsägliche Leiden, häufige Verbannungen in Begleitung des schrecklichsten Gräuels, oft wiederholtes Entreißen des mühsam erworbenen Vermögens, die zahllosen grauseneregeuden Mord- und Jammerscenen sicherlich allmähliche Auflösung zur Folge gehabt; für das jüdische Volk ivaren diese Wunden wohl schmerzlich, aber doch heilbar. Sie konnten es schivächen und entkräften, aber nicht tödlich auf dasselbe wirken. Denn sein Elend konnte nicht so grauenhaft, seine Lage nicht so düster sich gestalten, daß nicht die hellen Lichtstrahlen seiner Hoffnungen durchzudringen vermochten. Eines nur hätte auch dem Judeutume den Todesstoß versetzen können; wenn es nämlich der fanatischen Wut der Feinde gelungen wäre, es völlig seines Schrifttums zu entblößen, so wie gesellschaftlich, es auch geistig verkommen zu lassen. Daß es bei ihnen an dem ernsten Willen dazu nicht mangelte, beweist das Bemühen der Kirche um die Verbreitung dieses unduldsamen Geistes »ach den verschiedensten Ländern und um die Aufrechterhaltung der diesbezüglichen Erlässe. Doch die radikale Ertötung des talmudischeu Geistes innerhalb des Judentums gelang ihnen nicht. Was ein jüdischer Dichter des dreizehnten Jahrhunderts über die Verbrennung der Maimunischen Schriften gedichtet hat, kann füglich auch von der Talmudverbrennung gelten: Sie haben die köstlichen Bücher verbrannt, Doch haben den Geist sie damit nicht gebannt. Ein reinigend Feuer sind ihre Lehren, Wie sollte das Feuer die Flamme verzehren. (Schluß folgt.»