Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 90 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969870--5673-2974983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 -rstein auf zu leuchten und seine Echtheit ward in Frage gestellt." Es ist daher mit Freuden die „Ethik des Judentums" von Professor Lazarus zu begrüßen, da Lazarus uns in diesem Werke auf die heilige Schrift und deren Kommentare, auf Talmud und Midrasch, als einen quellenden Lebensboru hinweist, dem allein wahre Ethik entspringt. Was die modernen Versuche, die ethischen Probleme zu lösen, anbetrifft, so suchte Redner im einzelnen nachzuweisen, daß sie samt und sonders deshalb als boden- und haltlos zu betrachten seien, weil ihnen das religiöse Moment fehlt, das mit dem Sittlichen eng verknüpft ist; eher eine Psychologie ohne Psyche, als eine Moral, eine Ethik ohne Religion. Was Redner über die Stellung der Ethik des Judentums gegenüber Max Stiruer und Nietzsche sagte, war ungefähr folgendes: Stirner und Nietzsche sind konsequente Denker, weil sie die logischen Consequenzen aus dem Naturalismus gezogen und offen und redlich das ausgesprochen haben, was die andern sogenannten menschlichen, sittlichen Vertreter des Evolutionismus absichtlich oder unabsichtlich verschwiegen haben; sie hätten entschieden eine andere Meinung von Moral nnd Sittlichkeit gehabt, wenn sie sich in die erhabenen Gedankengänge der Bibel und des Talmuds vertieft hätten. Hier in der Ethik des Judentums ist der Mensch kein verfeinertes Tier, wie der Darwinismus lehrt, kein zum Menschen gewordenes Raubtier, das alles um sich zerfleischen will, um sich dann zu einem Uebermenschen zu erheben, welcher, wie Nietzsche sagt, am Göttertisch der Erde mit den Göttern Würfel spielt, daß die Erde breche und krache und Feuerflüsse heraufschnaube, sondern, wie die jüdische Weltanschauung lehrt, im Ebenbilde Gottes geschaffen, dein freilich auch die Möglichkeit verliehen ist, sich ins diametrale Gegenteil zu seinem Urbilde zu verirren. Den Einwand gegen die theistische Ethik als eine heteronome, widerlegte Redner, sich mehr oder weniger an Lazarus anschließend, dadurch, daß er auf den klar im Judentum zu Tage tretenden Gedanken hinwies: nicht deshalb, weil Gott das Gesetz gegeben, ist das Gesetz sittlich, sondern weil es sittlich ist, deshalb hat es Gott gegeben; auf Schritt und Tritt begegnet man im Judentum, wenn auch in anderer Form, dem kategorischen Imperativ Kants, des einzigen Philosophen, der auf dem Gebiete der Moral dem Geiste des Judentums näher gekommen: fern steht der jüdischen Weltanschauung der Gedanke des Utilismus, der als verfeinerter Egoismns .alle Moral in ihrem letzten Fundament auf den Erhaltungstrieb der Menschen zurückführt: fern auch der Gedanke des Hedonismus, der alles Thun und Lassen des Menschen aus Lust- und Unlustgefühlen herleitet, fern endlich der Gedanke des Judaimonismus, der diejenige That für die sittlichste erklärt, welche die meiste Befriedigung gewährt; — nein, der jüdischen Weltanschauung ist der Zweck des Sittlichen, aller Moralität, das sittlich Gute selbst; „die Liebe zum Guten gehört", wie Lazarus sagt, „zur Ethik, alles andere zur Technik des Lebens," diese, die Technik ist mannigfach und wechselnd, kann zu verschiedenen Zeiten bei verschiedenen Völkern eine verschiedene sein, geht Hand in Hand mit der Wissenschaft, die Ethik