Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969870--5664-2974974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
» — 81 — trete; jene in Palästina ansässigen geistig rohen und ungebildeten Elemente aus Polen und Rußland scheinen ihnen dabei weit eher hinderlich. Die vorhandenen jüdischen Kolonieen dagegen sind älteren Datums. Es sind meistens Rothschild'sche Gründungen und werden von nichtzionistischen europäischen Comitos unterstützt. Sie haben, wie gesagt, weit mehr einen Humanitären Charakter, nämlich die Versorgung jener aus Galizien, Polen, Rumänien und Rußland vertriebenen, geistig und körperlich malträtierten Menschen. Für diese hat man in den palästinensischen Kolonieen eine Existenz gesucht und zum Teil gefunden. Man hat sie an Ackerbau gewöhnt und znm Teil recht gute Resultate erzielt. Sie bauen in Galiläa auf etwa 7 Kolonieen Wein, Maulbeeren zur Seidenzucht, mancherlei Blumen zur Parfümfabrikation, Obst und Getreide. Etwa ebensoviel Kolonieen giebt es in Samarien und ebensoviel im übrigen Syrien. Einzelne dieser im ganzen etwa 25 Kolonieen sind ganz kleine und bestehen nur aus 2—3 Familien; andere wieder sind wesentlich größer bis zu 1000 Seelen; am bedeutendsten sind zwei Stadtkolonieen in der Nähe von Jaffa, welche von Handwerkern und Landarbeitern gebildet werden. Allerdings verdanken alle diese Kolonieen ihre verhältnismäßige Blüte der kapitalkräftigen Unterstützung, die dieselben aus Europa empfangen, und es wird sich erst in ihrer Weiterentwicklung zeigen müssen, ob sie im Stande sind, sich selbständig zu erhalte» und produktiv vorzuschreiten. Aber es ist doch auch kulturhistorisch interessant, daß hier arme verkommene Juden intellektuell und sittlich erzogen und zur Handarbeit herangebildet werden. Einzelne ihrer Produkte, wie z. B. die Parfümfabrikation, einzelne Sorten ihrer Weine sind, wie wir das auf der Ausstellung in Frankfurt a. M. gesehen haben, von hoher Vollkommenheit; anderes, wie der Seidenbau, ist vielversprechend. Was den Zionismus als solchen angeht, so habe ich nicht den Beruf und auch nicht die ausreichende Sachkenntnis, um über diese, — wahrscheinlich in den nächsten Jahren bedeutend wachsende — Bewegung hier zu sprechen. Mögen immerhin einzelne seiner Vertreter von hohem Idealismus erfüllt sein, so erscheint mir doch der ganze Plan eine ganz aussichtslose Utopie zu sei». Wir in unserer Reisegesellschaft auf der Asia lernten in interessanter Weise den Zionismus kennen. Einer der Führer der deutschen Zionisten, jedenfalls ein hochgebildeter und sehr ideal gesinnter Mann, hatte sich seit Monaten auf das lebhafteste bemüht, eine jüdische Gesellschaft zusammenzubringen, welche auf eigens gechartertem Schiffe und mit streng überwachter jüdischer Küche nach Palästina reisen und das Land gründlich kennen lernen sollte. Wenn man bedenkt, wie schwer es sonst für die gesetzesstrengen Juden ist, eine Reise auszuführen, da sie ja überall an die Gesetzesvorschriften und besonders an die Speiseordnung gebunden sind, so hätte man glauben sollen, daß eine solche Gelegenheit von vielen begierig ergriffen worden wäre. Dem war aber nicht so. Es fanden sich trotz aller Agitation, im ganzen nur sieben Reisende zusammen, die natürlich kein Schiff chartern konnten, sondern sich