Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 mit einem Quartier auf unserem Schiff begnügen mußten, wo ihnen in einer kleinen Notküche ein mitgebrachter Diener ihre Speisen schlecht und recht bereitete. In dieser Gesellschaft war aber außer dem Führer nur eine zionistische Persönlichkeit und das war — gewiß eine merkwürdige Erscheinung — eine christliche Dame jüdischen Bluts. Ihre Familie war seit 2 oder 3 Generationen getauft, aber das jüdische Blut war in ihr unvermischt geblieben. Und so hatte denn diese übrigens sehr gebildete und angenehme Danie den gewiß interessanten Versuch gemacht, der Religion nach Christin, der Nationalität nach entschieden Jüdin zu sein, und in diesem Gedanken hatte sie sich an den Zionismus angeschlossen. Die übrigen Mitglieder dieser Gesellschaft waren aber, wie gesagt, nicht Zionisten, sondern gesetzesstrenge Juden, welche einmal das Land kennen lernen wollten. So weit ich dann später wenigstens von der größeren Hälfte dieser Versuchsreise hörte, so wäre dieselbe gänzlich mißlungen. Die Teilnehmer hätten sich von den palästinensischen Zuständen gründlich enttäuscht gefühlt und wären zu dem Resultat gekommen: „Überall sonstwo, nur nicht in Palästina!" Die obenerwähnte Dame trennte sich denn auch in Jerusalem von der übrigen Gesellschaft und schloß sich für den Rest der Reise wieder an uns an, was sie um so mehr konnte, da sie an die Speiseordnung nicht gebunden war. Die ganze Geschichte wäre ja an und für sich belanglos nnd unbedeutend, wenn sie nicht immerhin als ein Pröbchen eines in Palästina zu errichtenden Judenstaates gelten dürfte! Der verstorbene Kanzler Graf Aaprivi über den Antisemitismus. „Ereignisse der letzten Wochen, die zu dem Betrübendsten gehören, was ich als Patriot in meinem Leben erfahren habe, scheinen es mir zur Pflicht der Reichsregierung zu machen, nicht hinter dem Berge zu halten, sondern zu sagen, wie sie diesen Dingen gegenüber steht. Ich kann es wohl begreifen, daß man Antisemit sein kann. Aber wenn der Antisemitismus eine Wendung annimmt, eine Behandlung erfährt, die demagogisch wird, dann ist es für die Reichsregierung unmöglich, sich dem nicht zu widersetzen, und es ist mir unmöglich, zu verstehen, wie patriotische Männer das mitmachen können. Wenn ich mich gegen diesen demagogischen Antisemitismus wehre, so würde ich. ja begreifen, wenn antisemitische Männer der Meinung sind, daß in gewissen Dingen im Lande Wandel geschaffen werden muß. Ich würde es ja begreiflich finden, wenn solche Herren den Antrag einbrächten, das Gesetz vom 3. Juli 1869, das Gesetz der Emanzipation der Juden wieder aufzuheben. Wenn aber