Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 antisemitischen sehr ähnlich, beiden liege der Gedanke der Separation zu Grunde. Nach Palästina hinein hieße aus Europa heraus. Das Ziel der deutschen Inden sei Assimilation, was durchaus nicht Aufgeben der Religion bedeute. . Wir reihen diesen Ausführungen das an, was Herr Pfarrer Battenberg in einem Aufsatze über seine Orientreise über jüdische Kolonieen äußert: Auch an der Klagemauer der Juden sind wir gewesen. Durch viele winkelige Gäßchen geht es hindurch bis zu dieser, aus gewaltigen Quadern erbauten, etwa 50 Meter langen und 20 Meter hohen Mauer. Hierher kommen jeden Freitag Nachmittag und zu den hohen jüdischen Feiertagen die Juden in ihren Festkleidern, um zu klagen; abgegriffene Gebetbücher in der Hand, den Kopf wider die Mauersteine legend, murmelnd und betend und wehklagend, so stehen sie da! Es werden wohl die Klagelieder Jeremiae sein, aus denen sie ihre Gebete lesen und immer wieder auf's neue hersagen. Aber mag auch eine solche konventionelle, durch die Jahrhunderte hindurch wiederholte Trauerrührung allmählich sich abstunipfen und mehr die Neugierde als die Teilnahme des Beschauers erwecken, haben nicht dennoch diese Juden Ursache zu klagen? Was ist es doch für eine gewaltige Tragik, die in der Geschichte dieses Volkes seit Jahrtausenden liegt? Diese fernsalemischen Juden gehören meist einer sehr heruntergekommenen Schicht an. Sie stammen zum Teil von den polnisch-russischen Juden, zum Teil vermeinen sie, wenn auch mit Unrecht, wohl ursprüngliche Bewohner des Landes zu sein. Aber fast alle sehen sie auch in ihrem Festtagskaftan schmutzig und verkommen aus. Sie leben von der „Chaluka" der Spende ihrer europäischen Brüder und glauben wohl als Hüter des Heiligtums der Väter darauf einen wohl begründeten Anspruch zu haben. Wenn daher in neuerer Zeit in den jüdischen Kolonieen und durch Erziehungsschulen und Lehranstalten diese Bevölkerung auf eine höhere Stufe gehoben wird, so ist das eine Arbeit, der man vom humanitären Standpunkt aus nur einen recht günstigen Erfolg wünschen kann. Aber was ist es mit diesen jüdischen Kolonieen überhaupt? Bei den vielfach unrichtigen Vorstellungen darüber sei mir an dieser Stelle ein kleiner Exkurs gestattet. Man hält ganz gewöhnlich diese jüdischen Kolonieen für Anstalten der Zionisten und diese Zionisten selbst wieder für die gesetzesstrengsten unter den Juden. Beides ist durchaus unrichtig. Allerdings wollen ja die Zionisten einen jüdischen Nationalstaat, am liebsten in Palästina gründen, aber dieser Gedanke hat mit ihrer Stellung zur Religion nichts zu thun. Vielmehr rekrutieren sich die Zionisten aus allen religiösen Schichten des Judentums; es gehören zu ihre» Anhängern die buchstäblichen Gesetzestreuen und die entschiedensten Freidenker. Ihr Plan der Wiedererrichtung eines jüdischen Nationalstaates ist zudem einstweilen nur noch Phantasiegebilde und Zukunftsmusik und hat mit den jüdischen Kolonieen in Palästina nichts zu thun. Sie wollen natürlich, daß die Elite des Judentums in ihrem Zukunftsstaat hervor-