Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 nicht erfolgreich genug erschien, den verfolgungssüchtigen Dominikanern übertragen hat, in Frankreich täglich drohender ihr Haupt erhoben. Doch R. Jechiel, dem vermutlich als Oberhaupt einer großen Schule und daher im Disputiren über talmudische Fragen geübt, die Sprecherrolle zuerteilt worden ist, war nicht lange verlegen um die Haltung, welche er in diesem Kreise einzunehmen habe. Gar bald verließ ihn die anfängliche Befangenheit; denn er sah ein, er müsse der herausfordernden Anmaßung des Nikolaus und der Geistlichkeit eine gleiche Rücksichtslosigkeit und Derbheit entgegensetze». Die gegenseitige Gereiztheit verursachte öfters einen so heftigen und ungeziemenden Wortwechsel, daß er durch das. entschiedene Dazwischentreten der Königin-Mutter, welche in Abwesenheit Ludwig's zugegen gewesen war, beigelegt werden mußte. — Zunächst bemerkt Jechiel ganz richtig, daß die gewaltsame Unterdrückung des jüdischen Geistes ein fruchtloses Beginnen sei. Die jüdische Geschichte könne zur Genüge darthun, daß die Juden für ihre Überzeugung zu sterben wissen. Sie seien oft genug verfolgt, gehöhnt und gemartert worden; aber ihr Geist habe trotz der beständigen Anfeindungen seine sich stets verjüngende Kraft nicht verloren. Ihre Feinde haben nur über die Einzelnen Macht; dem gesammten Judentum aber den Lebensnerv abzuschneiden, trachten sie vergebens; so groß und weitreichend auch deren Herrschaft und Gewalt sein möge. Auf die Versicherung eines' hochgestellten, Hofbeamten, der diese Äußerungen Jechiels für einen Ansdruck banger Besorgnis um ihr künftiges Schicksal hielt, man werde ihnen kein Leid zufügen und ihnen Schutz gewähren, antwortete der Rabbiner von Paris mit einem Freimute, der selbst die vorurteilslose Königin Blanche ein wenig verletzte: Das Ansehen der königlichen Macht vermöge nichts mehr über die durch boshafte Verdächtigungen und erdichtete Anschuldigungen irregeleitete Menge. Er sprach ferner der Geistlichkeit jede Berechtigung ab, sich in die inneren Angelegenheiten der Juden zu mischen, worin sie selbst nach den päpstlichen Verordnungen volle Freiheit besitzen; außerdem sei es ungereimt, beides, Richter und Partei zugleich sein zu wollen. Darum hätte er sich anfangs geweigert, ihrer unbefugten Herausforderung Folge zu leisten. Doch die Geistlichen, die sonst schwer den scharfsinnigen Wendungen und Windungen der jüdischen Diskussion zu folgen vermochten, jetzt aber unter der Anführung des talmudknndigen Apostaten schon im Voraus über den ihrerseits zu feiernden Triumph frohlockten, drangen nun nachdrücklicher in Jechiel, daß er nun Rede stehen sollte. Als er also eingesehen hatte, es werde ihm nicht gelingen, sich der Sache zu entziehen, da erklärte er mit großer Gewissenhaftigkeit, er träte hier nicht als Abgeordneter des Judentums auf, und man dürfte dasselbe keineswegs für seine Behauptungen und Beweisführungen verantwortlich machen. (Schluß folgt.)