Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 —! Disputation zu hoffen hatten, ist leicht abzusehen. Unsere Zeit kennt nicht die unbefangenen leidenschaftslosen Religionsgespräche früherer Zeiten. Die allein zu Unterredung über Religionswahrheiten berechtigende Geistesklarheit wird natürlich dort vermißt, wo gewaltthätige Unduldsamkeit sich zum Richter aufwirft und ein tieferes Eingehen auf die Gründe des Gegners als verdammlich erklärt. Wo Leidenschaft und glühender Haß mitkämpfen, da kann man von einer Religionsdisputation im uneigentlichen Sinne des Wortes reden. Es ist nur trügerisches Spiel, die höhnische Herausforderung des schon im Voraus im Gefühl der Herrschergewalt Triumphirenden. Aber selbst im günstigsten Falle ist es betrübend, das Schicksal eines von den scharfsinnigsten Köpfen vieler Jahrbunderte erzeugten, bereits in die Tiefen des Fühlens und Denkens gedrungenen Schrifttums abhängig zu wissen von einem geistigen Zweikampf! R. Jechiel aus Paris ist ein berühmter Talmudgelehrter, dessen Schule dreihundert Jünger zählend zwar einen schwachen Ersatz bietet für die ehedem in Troyes und Rameru blühenden Talmudschulen, wo das Studium des Talmud mit größerem Erfolge gepflegt wurde, dennoch aber den Mittelpunkt desselben bildet nicht blos für Frankreich, sondern auch für den ganzen Norden Europas. Aus der Schule des R. Jehuda Sir Leon's des Frommen hervorgegangen, ist er gleich seinem Meister von inniger Religiosität und strenger Gewissenhaftigkeit, welche Eigenschaften ihn würdig machen, für das Judentum in die Schranken zu treten; aber auch gleich diesem ein Feind der freiem Forschung, was seinen Antworten und Einwürfen oft das Gepräge der Einseitigkeit gab. Hätte er den Freimut besessen, offen zu erklären, daß das Judentum für viele, im Talmud vorhandene Aussprüche, als unwesentliche Bestandteile desselben, nicht einstehen müsse, so würde er manche Antworten auf geraderem Wege gefunden haben. Im Großen und Ganzen jedoch waren seine Widerlegungen bis auf einzelne nicht stichhaltige Behauptungen richtig. Wenn wir bei ihm solche schlagende Einwürfe, geistreiche Wendungen, wie die des Nachmanides, vermissen, so ist auch zum Teil der Grund hiefür in dem zwar sehr gehässigen, aber nicht sehr scharfsinnigen Gegner zu suchen, der nicht die Gewandtheit besaß, die Debatte, wenn auch nur durch sophistische Spitzfindigkeiten, fortzuspinnen. Er wußte eine gewisse Anzahl solcher anstößigen Stellen vorzubringen, ohne auf die entgegengestellten Ansichten und Einwürfe etwas Erhebliches erwidern zu können. Auf den 24. Juni 1240 sind die oben genannten vier französischen Rabbiner vor den königlichen Hof geladen worden, um die Verteidigung des Talmud gegen Nikolaus und mehrere anwesende Bischöfe zu führen. Bei ihrem Eintritt >» die Versammlung sotten sie kein hohes Selbstvertrauen gezeigt haben. Man wird aber ihr Zagen sehr natürlich finden, wenn man bedenkt, daß die Jnquisitionsgerichte, eine der vielen heillosen Schöpfungen Jnnocenz III., welche Gregor IX. wahrscheinlich, weil ihm ihre bisherige Wirksamkeit unter der Leitung der Bischöfe