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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-04-01 · Heft 4 (1.4.1899) · p. Seite 76

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 4 (1.4.1899)
Date
1899-04-01
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 gewissenhafter Beobachtung äußerer Formen und in Unduldsamkeit gegen andere aussprach?) Es ist ein Zeichen des Geistes unserer Zeit, daß seine grausame Be> Handlung der Juden ihm den Ruhm einer gerechten und weisen Regierung nicht schmälerte, daß er die Juden in seinem Reiche verabscheute und unterdrückte und nichtsdestoweniger sein hoher Gerechtigkeitssinn und seine sittliche Größe gepriesen werden. Diese gepriesene Gerechtigkeit hinderte ihn nicht, den Talmud von Inquisitoren prüfen zn lassen, von welchen er wissen mußte, daß sie nicht unparteiisch sein werden. Was nützte es daher, wenn zum Scheine auch von jüdischer Seite einige Rabbiner zu dieser Untersuchung geladen wurden, wenn diese die Anklagepunkte , entkräfteten? Die christlichen Gelehrten bestanden einmal darauf und beschlossen, daß ein Buch, das nach ihrer Meinung „viel Fiktionen und Fabeln enthalte und mehr schädlich als nützlich sei", verbrannt werden sollte. Die Juden thaten zwar gleich darauf bei dem Erzbischöfe von Sens, welcher bei dem Könige in hohem Ansehen stand, die nötigen Schritte um Aufhebung dieses Beschlusses, und dieser hat ihn auch zu überreden vermocht, das Verdammungsurteil unvollstreckt und die confiszirten Bücher ihren Eigentümern wieder zurückstellen zu lassen. Allein es bedurfte nur eines unbedeutenden Vorfalls, um diesen, zwischen kirchlicher Engherzigkeit und einseitiger Gerechtigkeitsliebe schwankenden Fürsten wieder umzustimmen und den verfrühten Jubel der französischen Juden in bitter» Jammer zu verwandeln. Derselbe Erzbischof, welcher Fürsprache für die Erhaltung des Talmud beim König eingelegt hatte, starb in dessen Gegenwart eines plötzlichen Todes. Der gute Sohn der Kirche wußte sich hiefür keinen anderen Grund als die große Nachsicht, welche er hinsichtlich des Talmud geübt hat, anzugeben. Nun erwachten in ihm quälende Gewissensscrupel und vermochten ihn, den Prozeß wiederum von Neuem einzuleiten. Um aber den Schein des rechtmäßigen Verfahrens, welchen dieser bigotte Fürst ebenso sehr als die Kirche liebte, zu wahren, sollte eine öffentliche Disputation zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten das beabsichtigte Verdammungsurteil rechtfertigen. Von jüdischer Seite waren dazu geladen: R. Jehuda b. David aus Melun, R. Samuel b. Salomo aus Chateau-Thierry, R. Mose aus Couch und der Wortführer bei der Disputation R. Jechiel aus Paris?) Sonst hatte Ludwig IX. gegen alles Disputiren über religiöse Fragen mit Andersgläubigen eine große Abneigung. Jetzt wünschte er dies um so mehr, als er sich von der Bekanntschaft des feindlichen Wortführers Nikolaus mit den Mängeln des Talmud und von seinem durch den Haß gegen seine früheren Glaubensgenossen noch verschärften Blick für dieselben den günstigsten Erfolg versprach. Was die Juden Frankreichs selbst von dem glücklichsten Ausgange dieser ') Ibid. S. 500. *) Disputatio K. Jeehielis cum Nicolao. Wagenseil'sche Ausgabe S. 6.

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