Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 diesen ohnehin judenfeindlichen Papst dahin zu vermögen, seine gehässigen Absichten mit Hülse der Kirchengewalt zu fördern. Es konnte auch dem Abgefallenen nicht schwer werden, einige Talmudstellen als Schmähungen der christlichen Religion und als unwürdige Anschauungen zu bezeichnen, namentlich da es seinem blinden Eifer „„möglich war, solche im Zusammenhang mit dem Leben und der Lage der Juden, mit Berücksichtigung der Verhältnisse und Umstände, unter deren Eindruck sic erstanden sind, aufzufassen. Die Fanatiker halten sich für berechtigt, den ganzen Talmud, obgleich er Erzeugnis vieler Jahrhunderte und der verschiedensten Köpfe, ei» Zusammenfluß von Gedanken der mannigfachsten Art ist, den wechselnden Geistesrichtnngen, Anschauungen und Gesichtskreisen entlehnt, für einzelne verfängliche Äußerungen und engherzige Lehren, welche die Reihungen und Verfolgungen den Talmndlehrern hervorgepreßt haben, verantwortlich zu machen. Den vom Glaubensivahn Bethörten war es einerlei, ob derartige Äußerungen als wesentlich oder unwesentlich dem Talmud einverleibt worden, ob sie als Grundsätze und Lehren oder blos als beiläufige Bemerkungen anzusehen sind, welche mit dem Geiste desselben, wie er sich in seiner Gesammtheit kundgiebt, nicht übereinstimmen müssen. Der Papst erließ nun ein Handschreiben, vom 9. Juni 1239 datirt, an die Erzbischöfe von Frankreich, worin er ihnen auftrug, den Juden, wenn sie am ersten Sabbath in der nächsten Fastenzeit des Morgens in der Synagoge versammelt sein werden, alle Talmudexemplare und übrigen jüdischen Bücher, im Notfälle mit Hülfe des weltlichen Armes, entreißen zu lassen und sie den Franziskanern und Dominikanern zu übergeben. Handschreiben desselben Inhalts ergingen auch an die Regenten und die Geistlichkeit anderer Länder. Alle Briefe waren von 25 Artikeln aus dem Talmud begleitet, welche Nikolaus zur Begründung seiner Anklage zusammengestellt hatte. Die Häupter der beiden Mönchsorden forderte er auf, den Talmud einer Prüfung zu unterwerfen und, falls die von Nikolaus gerügten Mängel darin vorgefunden würden, alle confiszierten Bücher dem Feuer zu übergeben. Die Ermahnungen des Papstes hatten aber nur in Frankreich den gewünschten Erfolg; den» hier herrschte ein Fürst, den die Kirche ganz in ihrer Gewalt hatte. Mau kann nicht leugnen, daß Luhivig der IX. vermöge seiner frommen Gemütsaulage ein gerechter und einsichtsvoller Regent hätte werden können, wenn seine Erziehung nicht beschränkten Geistlichen anvertraut worden wäre. Diese haben ihm eine so große Ehrfurcht gegen ihren Stand einzuflößen gewußt, daß er einmal die Äußerung gethan haben soll: wenn er sich in zwei Teile teilen könnte, so würde er einen davon dem Franziskanerden anderen dem Dominikanerorden schenkend) Durch eine solche Erziehung wurde er zu einer vorurteilsvollen kirchlichen Beschränktheit und zu einer Frömmigkeit erzogen, die sich nur in Überschätzung und ') Schmidt, Geschichte von Frankreich, Seite 507.