Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1899)
- Date
- 1899-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Alter von 88 Jahren, ist jüngst in Paris Adolphe d'Ennery. einer der fruchtbarsten dramatischen Schriftsteller Frankreichs, zu Grabe getragen worden. D'Ennery. dessen Name weit über die Grenzen Frankreichs bekannt ist, stammt von jüdischen Eltern. Er wurde 1811 in der Rue du Temple zu Paris geboren. Sein Vater Jakob Philipp und seine Mutter Gittel (französisch Guitton) waren aus Ennery im Moseldepartement nach Paris gekommen und besaßen daselbst ein kleines Geschäft. Auch der junge Adolphe, dem seine Eltern trotz ihrer Armut eine ausgezeichnete Erziehung zu teil werden ließen, sollte sich dem Handelsstande widmen. Das behagte dem etwas phantastisch angelegten Jüngling nicht; er wurde zuerst Maler, dann Journalist, schließlich Dramatiker. Als Theaterschriftsteller (es wurden über 200 Werke von ihm aufgeführt) war er sehr erfolgreich. Am bekanntesten sind von seinen Dramen geworden: „Marie Anna, das Weib ans dem Volke", das auch am Hofburgtheater in Wien gegeben wurde, ferner die Sensationsstücke „Die beiden Waisen", „Die Reise um die Erde in 80 Tagen" u. s w. Auch als Opernlibrettist war er sehr beliebt. Die namhaftesten Komponisten Frankreichs bewarben sich um Textbücher von seiner Feder. Seine besten Operntexte sind: „Wenn ich ein König wäre" (Musik von Adam), „Faust" (Gounod), „Tribut von Zamora" (Gounot), „David" (Massenet). D'Ennery hat sich mit seinen dramatischen Arbeiten ein großes Vermögen erworben; man schätzt dasselbe auf 10 Millionen Francs. Ein schönes Zeichenecht jüdischen Wohlthätigkeitssinnes bietet sein Testament, in welchem er seine herrliche Villa in Antibes zu einem Hospitz fiir alte Theaterdichter und Schauspieler bestimmt hat. — Am 11. Februar starb in Frankfurt a. M. Herr Hermann Junker, der durch seine Fortsetzung der Oppenheim'schen „Bilder aus dem altjüdischen Leben" auch in jüdischen Kreisen vielfach bekannt geworden. Die Originalbilder, „die Prüfung der Brautleute", „die Brautschau" und „das Neumondsgebet" befinden sich in dem Nachlasse des als Künstler und Mensch gleich ausgezeichneten Mannes und wären eine wertvolle Bereicherung besonders für jüdische Museen. — Zangwill dramatisirt seine Ghetto- Juden. Eine bedeutende Firma in New-Iork hat das Drama übernommen, es wird also auf der amerikanischen Bühne erscheinen. Das Sujet scheint uns zu einseitig zu sein, allgenieines Interesse und Wohlgefallen zu erringen. Die Charaktere sind ziemlich einförmig, es sind immer dieselben halbenglisirten polnischen Juden in dem engen, abgeschlossenen und thatenlosen Kreise eines selbstgeschaffenen Ghettos, wo die Alltäglichkeit vorherrscht, keine der Welt bewegenden und die Leidenschaft aufregenden Fragen oder Ereignisse Vorkommen. Wenn Herr Zangwill aus diesem Stoff ein kunstgerechtes packendes Drama dichten kann, ist er ein höheres Genie als alle uns bekannten dramatischen Dichter. Für die Ehre und Würdigung des Judentums erwarten wir von dem Drama ebenso wenig, wie von all den Schnorrer-Geschichten mit der Schufterei, der Verschrobenheit, dem Geldgeiz und der stumpfen Gemeinheit der so realistisch übertriebenen Charaktere, die in den Ge-