Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1899)
- Date
- 1899-03-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 keine Notenschrift aufzuweisen hat, kann auch seine Musik nicht erhalten haben. Diese Thatsache ist für die Musik im jüdischen Altertum charakteristisch und bestimmend und sie allein würde schon beweisen, daß wir jüdisch-traditionelle Melodien aus der vorchristlichen Zeit nicht besitzen. Das Zeitalter des Christentumes erst und namentlich dasjenige der Notenschrift machte den Ton zum Mittel, in welchem das bewegte Innere sich rückhaltlos äußert und in plastischen Tonformen darstettt; es machte den Ton zum künstlerischen Darstellungsmaterial und formte aus ihm das musikalische Kunstwerk. Die Kempner Wustkanten. Unter dem Namen „Kempner Juden" zieht seit Jahrzehnten eine aus fünf Mann bestehende jüdische Musikkapelle in Posen und Schlesien herum. Die Künstler spielen nicht nur ohne Notenkenntnis lediglich nach dem Gehör alte und neue Musikstücke, sondern singen auch politische uod humoristische Weisen, ähnlich den Kouplets der Bühnen. Ihre Lieder sind in den Gauen, die sie durchziehe», ebenso bekannt, wie die Künstler selbst. Die Kapelle nach ihren Häuptlingen die Singer Braunsche genannt, besteht aus Flöte, Klarinette, Geige, Viola und Brummbaß und stanimt aus der Stadt Kempen in der Provinz Posen. In den Restaurationen läßt sie ihre Weisen vor den Gästen ertönen, auf Festen spielt sie zum Tanz auf, ja auch bei patriotischen Feierlichkeiten liefert sie die Marschmusik in dem Orte, in dem sie sich gerade befindet. Die Künstler stehen jetzt bereits im vorgerückten Lebensalter, haben wohl schon ein Sümmchen gespart und lassen ihren Kindern zum Teil eine recht gediegene Erziehung zukommen. Nun zu ihren Beziehungen zu unserm Hofe! Der Fürst von Pleß hatte im Anfang der siebzige^Jahre die Ehre Kaiser Wilhelm I. als Gast zur Jagd bei sich zu sehen. Der Kaiser nahm auf Jagdschloß Promnitz Quartier. Dort fanden sich auch die „Kempner Juden" ein und drückten sich so lange vor den Fenstern der Zimmer herum, welche der Kaiser bewohnte, gestikulirten so lange, bis der gütige Monarch einen Diener zu ihnen schickte mit der Anfrage, was sie begehrten. Die „Kempner" erklärten, es würde das höchste Glück ihres Lebens sein, wenn sie vor ihrem Kaiser spielen und singen dürften. Die Bitte wurde gewährt, die Musikanten ins Schloß beordert und der Kaiser ergötzte sich sichtlich an ihren originellen Leistungen. Eine Belohnung wiesen die Künstler zurück. Nur eine Bescheinigung erbaten sie sich darüber, daß sie vor „ihrem Kaiser" gespielt und gesungen hätten. Auf Befehl des Kaisers fertigte das Hofmarschallamt diese Bescheinigung den hocherfreuten Musiker» aus. Im Jahre 1873 war nun der Kronprinz Gast des