Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1899)
- Date
- 1899-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Eintagsfliegen, unser Dasein ist flüchtig und nichtig; — Historisch aber leben wir ja auch in der Vergangenheit, weil sie in uns lebt, und mit unserem eigenen Thun sind wir bereits bei denen, die es erben, die darauf fortbauen werden. — Jüngst hat man erkannt und auch ausgesprochen: dadurch unterscheiden sich von den sogenannten wilden oder Naturvölkern die Kulturvölker, daß diese eine Geschichte haben; ohne Kultur keine Geschichte und ohne Geschichte keine Kultur. Wie hoch aber sonst in uralten Tagen bei den Juden die Geschichte, das Gedenken geschätzt war, können wir aus der Bedeutung sehen, welche dem Worte „Secher" sogar lexikalisch beigelegt wird; eine Bedeutung, welche es oft unmöglich macht, es in seinem Zusammenhang richtig zu übersetzen. Heißt es doch im engsten Anschluß an die eben zitirten Worte der göttlichen Sendung: „Dies ist mein Name für immer und dies mein Angedenken von Geschlecht zu Geschlecht." Ebenso wird parallel dem Namen Gottes sein Angedenken genannnt (Psalm 135, 13) und der Prophet Hosea (12, 6) sagt: „Und der Ewige ist Gott der Heerschaaren, Ewiger ist sein Angedenken." Noch mehr! der Psalmist setzt dieses Wort nicht blos den Namen Gottes, sondern neben Gott selbst; (Psalm 102, 13) „Du aber, Ewiger, thronest ewiglich und Dein Angedenken von Geschlecht zu Geschlecht." Schließlich wird es für Gott selbst gesetzt, indem es (Psalm 30, 5 und 97, 12) heißt: „Freuet Euch, Gerechte, in dem Ewigen und danket seinem heiligen Angedenken." „Secher" ist eben auch die Sache selbst, ist das Wesen der Sache, wie es das Bleibende, Dauernde, das Ewige ist und sein soll. Ganz unwillkürlich sagt man auch wohl, wenn von historischen Ereignissen vergangener Zeiten die Rede ist: wir haben damals gekämpft, wir haben gelitten, wir haben gestrebt und gewirkt. „Wir" — wer sind denn diese Wir? Leben denn die noch, die vor zweitausend Jahren gekämpft, die vor tausend Jahren gelitten? Aber wir, wir Juden, das sind eben Alle, die im Judentum vereinigt waren und vereinigt sind; horizontal in der ganzen Ausdehnung des Erdenraumes, vertikal im ganzen Ablauf der Zeiten bilden Alle zusammen die „wir", die Einheit und Gesammtheit; darum ist auch das Schicksal dieser Gesammtheit, das eines jedes ihrer Glieder; als solche sollen wir es fühlen, erleben und bestehen; in dieser Einheit tragen wir alle das gleiche Geschick, haben wir dieselben Pflichten, hegen wir die gleiche Hoffnung auf die Einheit der erleuchteten Menschheit. Jetzt sind wir und sollen wir aus ganzem Herzen Söhne des gleichen Stammes sein; dann aber Alle, mit Allen zusammen, Kinder des Einen Gottes, den schon Abraham erkannt, den Alle Propheten verkündet, den alle Weisen Israels gepredigt haben, alle von dem gleichen, in sich zusammenhängenden Geiste göttlicher Offenbarung einer sittlichen Weltordnung erfüllt Und diese ist es, die wir auch heute Abend feiern: mit Recht sagt unsere Hagada: „Jedermann ist verpflichtet sich selbst zu betrachten, als ob er aus Ägypten gezogen wäre." Jeder wahre, jeder rechte und echte Jude weiß, fühlt und erlebt das in seinem Gemüte; ja, wir sind aus