Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1899)
- Date
- 1899-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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55 halten der Erinnerung an das Wiederaufleben dieses erhabendsten Gedankens war die innere Triebkraft dieses Aufschwungs, die Fahne, der sie folgten, die Feuerseule, die ihnen voranschritt, daß sie später auch den gefahrenreichen Wüstengang der Geschichte vollbringen konnten. Später aber, als das eroberte Land wieder zur Beute der übermütigen Fremden geworden, als der Staat vernichtet, die Stadt verwüstet und der Tempel zerstört war, da blühte das Judentum, seiner früheren Lebensform beraubt, in neuer, tieferer, innerlicherer Gestalt auf und hat sich selbst lebenskräftig und auch den Stamm, der sein Träger ist, am Leben erhalten. Der nächste Zweck des Auszugs aus Ägypten: Freiheit und Selbständigkeit war wieder zertrümmert; wiederum war den Juden nichts von allen Gütern der Erde, von den äußern Mitteln des Zusammenhalts einer Masse geblieben; — aber der geistige Gehalt des Judentums, die durch die Schöpfungen der Propheten noch mehr erhöhte, bereicherte, geläuterte Religion, die noch mehr vertiefte, erweiterte und veredelte Sittlichkeit, sie wurden als heiliges Erbgut erhalten und gepflegt, auch in der breiten Masse des Volkes mehr als je vorher verbreitet. Ja, diese Continuität des Geistes, dieser innige, feste, nie abbrechende Zusammenhang der Gedanken von Geschlecht zu Geschlecht in den weiten Bahnen der Geschichte; diese Continuität, vermöge deren zum Beispiel die Priester — und nicht blos die jüdischen, sondern auch alle christlichen — das Volk mit denselben Worten segnen, mit denen es seit Jahrtausenden gesegnet wird, oder ein Vater am Festabend sein Kind mit denselben Worten, wie der Erzvater Jakob seinen Enkel segnet — diese Continuität des Geistes, welch ein der unsäglich reichen Litteratur des Judentums ihren schöpferischen Ausdruck findet, und — obgleich in sehr verschiedenen Richtungen, doch fast allezeit die gleiche Energie der Fortbewegungung bewahrt; — diese Continuität des Geistes ist die erhaltende Macht des Judentums und dadurch die ausdauernde Lebenskraft des jüdischen Stammes- Unter den Propheten hat besonders Jeremias in seinen zartesten, innigsten, ergreifendsten Reden immer an die Vorzeit angeknüpft, besonders den Auszug aus Mizraim gefeiert. Ihm folgten viele von den Psalmisten. Die Heroen des Talmuds aber haben.W ihrer Weisheit alles Erfreuliche und Erquickende, alles Belebende und Erhebende als „Erinnerung an den Auszug aus Ägypten" angesehen. Ja „gedenket"; das Andenken an die Geschichte/festhalten, in der Geschichte leben — jeder Einzelne, wenn er als Jude lebt, als Jude denkt und fühlt, — Jeder, auch bei kritischem Denken, auch bei radikalem Streben, wenn es nicht leichtfertig oder frivol, wenn es lauter und ernst ist, wenn der Stolz auf sein Judentum, die Sorge um sein Judentum ihn treibt — Jeder, sage ich, spinnt mit an den Fäden, webt mit an den Geweben der Geschichte. „Secher" Gedenken, geschichtlich, im Zusammenhang der Geschichte leben heißt wahrhaft und ernst leben; — sonst sind wir Menschen ja bloße Ein-