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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-03-01 · Heft 3 (1.3.1899) · p. Seite 54

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 3 (1.3.1899)
Date
1899-03-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Dieser Gedanke ist treffend bereits in der großen Rede Mosis im Deuteronomium (4,34) mit den Worten angedeutet: „Oder hat Gott je versucht ein Volk sich zu nehmen aus der Mitte eines anderen Volkes?" Das einzige Wörtchen „hanisa" in diesem Verse sagt uns, daß das historische Ereignis gleichsam als ein göttliches Experiment hingestellt werden soll; damit ist die ganz außerordentliche Eigenart des Vorganges gekennzeichnet und die hohe völkerpsychologische Bedeutung der Thatsache ahnungsvoll erfaßt. Man hat oft und mit Recht die Erhaltung des kleinen jüdischen Stammes, während die größten und mächtigsten Völker ringsum zu Grund gegangen sind, als ein Wunder bezeichnet und gepriesen. Die Erklärung des Wunders oder die Lösung des Rätsels ist in beiden Fällen, bei der Gründung und bei der Erhaltung des Volkes dieselbe: in einem und demselben historischen Moment des geistigen Lebens tritt sie uns entgegen. — Die Wege der Vorsehung sind unerforschlich, menschliche Einsicht reicht nicht hin, sie völlig zu ergründen; eine erhebende und beseligende Aufgabe aber ist es, sich jn die Frage nach denselben zu vertiefen und zu ringen und zu versuchen, wie viel wir aus den erkennbaren Gesetzen des Naturlaufs und aus den Ereignissen des geistigen Lebens davon zu erklären vermögen. Die verborgenen Geheimnisse. heißt es ja (5. Buch Mose 29, 28) sind bei Gott, „aber das Geoffenbarte, das in die Erscheinung der Wirklichkeit Getretene für uns und unsere Kinder." Das Prinzip, die treibende Kraft und schöpferische Macht, welche in der Geschichte des Judentums bei seiner Gründung und noch mehr bei seiner Erhaltung wirksam gewesen und noch allezeit wirksam sich erweist, ist die Continuität des geistigen Lebensgehaltes; der unaufhörliche, trotz aller Schwankungen und Wandlungen nie erlöschende innere Zusammenhang des seelischen Daseins und seines wesentlichen und idealen Inhalts. Von allen Gütern der Erde entblößt, aller Fähigkeiten und darum') auch aller höheren Bestrebungen beraubt war der Sklavenhaufe in Ägypten wegen der „Kürze des Odems und der schweren Arbeit;" alle Mittel, Kräfte, alle Begierden des Aufschwungs fehlten. Was hat den Stamm dennoch wieder emporgehoben? Einzig und allein die Erinnerung an die Urväter, insbesondere an den Erzvater Abraham und an den Gottesgedanken, den er gepflanzt und gepflegt, dem er seinen Namen gegeben und aller Welt vererbt hat, auf daß alle Völker der Erde durch ihn gesegnet werden (Siehe 2. Buch Mose 3, 6, 1b). „Also", sagt Gott bei der ersten Sendung zu Moses, »also sprich zu den Kindern Israels: der Ewige, der Gott Eurer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sendet mich zu Euch." Sie kannten ihn also, sie wußten von ihm; sie, die Kinder Israels wußten von dem Gotte ihrer Väter wenigstens so viel, daß sie seinen Aufruf verstehen konnten: sie hatten eine von der Last der Zeiten fast erdrückte, aber fortdauernde Erinnerung an die Väter und an den Gott ihrer Väter. Das Fest-

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