Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1899)
- Date
- 1899-03-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Verbindung gebracht, indem Ruhe des Knechtes als Grund und Ziel durch die Erinnerung „Knechte seid ihr in Ägypten gewesen" ans Herz gelegt wird. Die Weisheit der Rabbinen aber hat fast alle sittlichen und religiösen Vorschriften, insbesondere die Feste darauf bezogen. Mit guten« Grund; zunächst wegen der inneren Bedeutung derselben, denn die Befreiung aus Ägypten und die damit unmittelbar als ihr Ziel zusammenhängende Gesetzgebung am Sinai enthalten die beiden Grundpfeiler zum Aufbau der Sittlichkeit im einzelnen Menschen und in jeder historischen Gesammtheit: Freiheit und Berufung; Selbständigkeit und Selbstverantwortung auf der einen, Gesetz und Recht auf der anderen Seite — und das Pflichtgefühl, in welchem beide vereinigt sind. — Alles dies ist oft in der jüdischen Litteratur erörtert worden; ich aber möchte noch hervorheben, daß die talmudischen Weisen mit Recht auch ans historischen Gründen dieses Ereignis vor allen anderen ausgezeichnet haben- Die Thatsache begegnet uns häufig in der Geschichte der Menschheit, daß ein Volk im eigenem Lande und mit eigener Kultur, von einem anderen mächtigeren Volke besiegt, unterjocht und seiner freien Selbständigkeit beraubt wird. Viele Völker sind daran völlig zu Grunde gegangen; von den Siegern beherrscht, zur Frohne herabgedrückt, welche jedes einzelne Streben tötet, haben sie mit der Zeit ihre Eigenart und Kultur eingebüßt und so sind sie denn im Herrenvolke als minderwertige Glieder aufgegangen und aus der Reihe der Nationen verschwunden. Andere Völker dagegen haben es vermocht sich aufzuraffen; die Besiegten sind wiederum Sieger geworden und mit wiedergewonnener Freiheit und Selbständigkeit haben sie den Weg eigener Kulturthätigkeit fortgesetzt. — Unerhört aber ist es in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechtes und als eine Thatsache ohne Gleichen steht es da, daß ein Stamm, welcher wegen seiner Minderheit unb Besitzlosigkeit in der Fremde zur Frohne gedrückt war, ohne eigene Kultur und ohne selbständige That eine lange Zeit hingelebt hat, dennoch den Auszug aus dem Herrenlande gefunden; daß eine Sklavenhorde zu einem Volke geworden und die Bahn einer eigenen Kultur eröffnet hat. Davon, daß diese Kultur, die höchst eigenartige, religiös-sittliche Kulturunter göttlicher Führung allmählich zur Grundlage und Triebkraft in den Gebilden der höchstentwickelten Nationen werden sollte, brauche ich hier nicht zu reden. In der biblischen Erzählung ist dieses einzigartige Ereignis mit zahlreichen Wundern umstellt und in dem auf das Ideale gestimmten Gemüt der Nachkommen hat die Phantasie ihre Schwingen entfaltet und unerschöpflich Wunderlegenden hinzugedichtet. Größer aber, als alle diese Wunder, ist die einfache, dürre Thatsache; ja, diese Thatsache, daß aus einem Sklavenhaufen, aus einem unter dem drückendsten Joch der Frohne seufzenden Stamm ein Kulturvolk der Religion und Sittlichkeit geworden, diese Thatsache allein ist das größte aller Wunder, welche denkbar sind.