Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1899)
- Date
- 1899-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Menge anständiger Menschen. Hochanständige, auf die man sagen könnte: schade daß er ein Millionär ist, d. h. war. Solide Leute, die einst vor dem Jüngsten Handelsgericht glänzend bestehen werden. Da liegt gleich Einer, . . . sehen Sie. ich stand nicht auf seiner Kreditliste, aber ich lege ihm doch ein Besuchssteinchen ans sein Denkmal." Er hob ein Bröckchen vom Kiesweg auf und legte es fast zeremoniös auf den Sockel der kurzen Pyramide. „Ein Speyer, ... alle diese gleichen grauen Granite sind Speyers. Der dort ist ein Kohn-Speyer." Er wies auf einzelne ganz niedrige, schmucklose Steine und nannte dabei einzelne Namen von schwerem geschäftsmäßigen Klang. „Lauter vielfache Millionäre; in Mark, in Thalern, in was Sie wollen. Und liegen da, als könnten Sie nicht Zwei zählen." Ein moderner niitteleuropäischer Judenfriedhof ist wohl die nüchternste Anlage, die man sich denken kann; der in Frankfurt a. M. aber ist die allernüchternste. Die ansehnlichen Leute, deren Vorfahren in der Börnegasse wohnten, begraben sich noch fast wie im Mittelalter. Wenn man ihre Sterbejahre liest, Anno 5608 u. dgl., fühlt inan sich gleichsam prähistorisch angewandelt. Dabei keine Grüfte, nur Gräber, denn im Tode soll Alles gleich sein, wenn man auch bei Dem und Jenem immerhin ein bischen merkt, daß er Geld gehabt hat. Früher war es noch strenger, da war der Todt auch eine Ehescheidung; Mann und Frau mußten mindestens zehn Schritt von einander beerdigt werden. . . . Der Gärtner, ein Finanzkundiger, macht auf allerlei Konjukturen aufmerksam. Unter dem weißen Marmor-Sarkophag ans Löwentatzen ruht Isaak Löw Königswarter mit seiner Frau; sie hatten ein großes Spital gestiftet. Das massive weiße Denkmal dort deckt einen Berliner, es ist den Rothschild'schen Grabmälern nachgemacht. ... Wir standen jetzt in einer eigentümlichen Gegend des Friedhofes. Rechts vom Mittelweg erhob sich eine Anzahl stattlicherer, zum Teil sogar sehr stattlicher Grabmäler, fast alle ans weißem Mvrmor. Rothschildgräber. „Hierher!" sagte Dr. Beißer und führte mich nach hinten, bis an die Mauer. Dort stand ein großer Sarkophag, mit einer schwer bequasteten Prunkdecke überhangen, an jeder Ecke mit einem gewaltigen Eichenkranz geschmückt: Sarg, Decke, Quasten, Eichenlaub, Alles weißer Marmor. „Amschel Mayer," warf Dr. Beißer hin, aber in seiner gedämpften Stimme lag eine Art unwillkürlicher Respekt. Er ließ sich in keine biographischen Einzelheiten ein. Er horchte in die ganz blaßblaue, fast weiße Abendluft, wo noch ein verspäteter Sperling halblaut spekulirte; er klopfte mit dem Spazierstöckchen an die dünnen Stauden um das moderne Krösusgrab und schien in landschaftlichgartenkünstlerischen Genügen zu schwelgen. Nachdem er sich ausgeschwelgt, richtete er sich plötzlich auf, beschrieb mit dem Stückchen einen Halbkreis, der auf die umstehenden Denkmäler deutete, und sagte obenhin: „Die unterirdische Rothschild-