Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1899)
- Date
- 1899-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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35 L. Kevefl über Motyschiwgräver in Iranksurt a. W. Als neulich jener Wiener Großmillionär begraben wurde, dem die Welt so viel Gutes nachzusagen hatte, da erinnerte ich mich, an einen gewissen schönen Septemberabend, den ich einst in Frankfurt am Main unter solchen Kapitaliiienschen verlebt habe. Es war auf einer meiner Heimreisen aus der Fremde. Eine elegige Sonnenuntergangsstimmung, die mir schon etwas bekannt vorkam, lag auf meiner Seele. Einmal das Jahresjoch, unter das man nun unweigerlich zurück mußte, und dann — um mich bankmäßig auszudrücken — der auffallend niedrige Stand meiner Banknvtenreserve. Ich hatte soeben eine Art Kavaliersanleihe aufgelegt, bei meinem Frankfurter Kollegen Dr. Beißer, und sie war von ihm sogar namhaft überzeichnet worden. Er ist kein reicher Mann, kein Millionär, nich einmal „nur in Mark", wie man in Deutschland höchst verächtlich zu sagen pflegt, wenn einer es nicht in Thalern ist. Aber er gibt vor Sozialdemokraten zu bekämpfen, indem er sie vom Standpunkt des Geldmannes aus fortwährend ironisirt und parodirt. Er vermöbelt die „Monetenkönige", indem er selber einen spielt, und bekennt sich zu einem Kommunismus, der das letzte Ziel der wirthschaftlichen Entwicklung darin sieht, daß Jedermann Millionär sei, worauf dann ein Millionär natürlich für einen armen Teufel gelten werde. In diesem Sinne pflegt er sich, wenn er sich wissenschaftlich ausdrückt, einen Pauper, und wenn er i» Hemdärmeln spricht, einen Schnorrer zu nennen. Nun, als ich ihn angepumpt hatte, sagte er: „Ich werde Sie trösten. Sie sind ein verkrachter Millionär, denn als Sie von Hause abreisten, waren Sie Millionär in Kreuzern. Sie hatten etwas entschieden Monetarisches an sich; jetzt sind die Beine Ihre einzigen Zirkulationsmittel. Wie gesagt, ich werde Sie trösten; ich führe Sie in eine ganze Gesellschaft von verarmten Millionären." Er winkte eine Droschke heran und sagte: „Zum neuen israelitischen Gottesacker." Nach einer Viertelstunde Fahrt zwischen neuen, vielstöckigen Häuserwürfeln in baugesellschaftlichem Baustil, hielten wir vor einem hohen, verschlossenen Eisengitter. „Dies ist das neue Hauptbuch des Todes," sagte Dr. Beißer, es wird erst seit 60 bis 65 Jahren geführt. Wenn Sie diese Kolumne entlang rechnen (er deutete auf den Haupteingang), finden Sie fast lauter sieben- bis achtstellige Posten. Ich könnte hier unten, am Eingangsthor, einen Additionsstrich ziehen und die Summe darunter schreiben. Lauter Leute, die kein todtes Kapital kannten'; jetzt sind sie todte Kapitalisten. Ganz unter uns gesagt, . . . sagen Sie's nicht weiter, denn ich bin heimlicher Sozialist und wozu sollen wir unter den Leuten gutes Blut für Millionäre machen? . . . Ganz unter uns also: es liegen da eine