Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1899)
- Date
- 1899-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 der Ehren gefallen. Jetzt kann wohl auch die Seifenblase, das Geheimnis Platzen, und was dann! Übrigens scheint die deutsche Orthodoxie auch mit solchen Gauklern versehen zu sein. Da kommt nun der berühmte Gelehrte und hochgeachtete Denker Professor Dr. Lazarus, der Mann, der auf der Höhe des philosophischen Denkens sich bewegt, die Wissenschaft seiner Zeit beherrscht und durch vorzügliche Leistungen in einem arbeitsvollen Leben bereichert hat, und schreibt ein Buch über die „Ethik des Judentums" so denkgewaltig und formvollendet, wie es noch Keinem gelungen ist, die Ethik des Judentums in einem classischen Gewände darzustellen. Das Judentum ist noch nie so warmherzig und ohne den wissenschaftlichen Scharfblick einzubüßen, so verherrlicht geworden, wie in diesem Buche. Nun ist aber der Verfasser dieses Buches einer der bewährtesten und ältesten Anhänger des reformatorischen» fortschrittlichen, liberalen Judentums, und dieser leistet dem Jndentuiu diesen großen Dienst, was die ganze Orthodoxie aller Länder mit all ihrer rabbinischen Gelehrsamkeit nie und nimmer leisten konnte. Das ist ja ein Todesstoß für die heilige Orthodoxie, und sie fühlt es auch in allen Gliedern. Da kommen nun die Gaukler und wollen uns begreiflich machen, daß Professor Dr. Lazarus in seinem zweiundsiebenzigsten Jahre von seinem durchs ganze Leben vertretenen Standpunkt abgekommen sei und sich zum gesetzestreuen „Talmudjuden" bekehrt habe. Nun sind ja die Herren Kritiker nicht blind, sie müssen aber wie andere Politiker mit einer Notlüge der Partei halber sich behelfen. Die Orthodoxie, das wissen sie wohl, konnte nie und nimmer das Judentum zu der hohen Stellung in der Moral-Philosophie erheben, wie dieser Reformjude es gethan; wozu also die ganze Orthodoxie! Darauf antworten die Matadoren: Lazarus hat sich „geändert," er ist Talmudjude geworden, obwohl das für den gelehrten und charakterfesten Mann eine Beschimpfung ist. Die guten Leute dürfen nicht einsehen, daß Dr. Lazarus mit seinem Buche das fortschrittliche Prinzip im Judentum verherrlicht und wissenschaftlich befestigt. Vom Gesetze selbst, vom Buchstaben des Gesetzes ist nirgend in dem Buche die Rede, die Ethik, die unterliegenden Prinzipien des Moralgesetzes in der Bibel, wie der Talmud und Midrasch sie aufgefaßt, erklärt und erweitert hat, davon und nur davon ist im Buche die Rede. Das ganze Ceremonialgesetz ist mit Stillschweigen übergangen, ebenso sind die Gesetze in ihrem Wortgewande als Produkt ihrer Zeit und für ihre Zeit betrachtet. Das Buch berechtigt uns nur zu der Annahme, daß der Herr Verfasser sagen will und sagt: Daß die auf die Theologie der Bibel begründete Morallehre die Wesentheit des Judentums ausmacht. Daß die Herrlichkeit und Unvergänglichkeit der jüdischen Lehre in den Prinzipien seiner Morallehre liegt.