Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 an den heiteren oft von schmerzlichen Empfindungen durchtränkten Empfindungen Gefallen fanden. Liszt in seinem Buche „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn" charakterisiert sie mit den Worten: „Sie verraten eine so von Thränen und inneren Seufzern geschwellte und zugleich eine so stolze Trostlosigkeit, daß sie an die antiken Medaillen erinnern, auf denen Iudaea diese Königin der gefallenen Städte und der besiegten Völker dargestellt ist, wie sie auf Ruinen sitzend, majestätisch und trauervoll ihre Krone von geschleiften und gestürzten Türmen trägt", die Melodien der Zigeuner fanden Widerhall in den Herzen der Juden, die heimatlos umherirrten und gleich ihnen unterdrückt, geknechtet und grausam behandelt wurden. Die Koloraturen und Läufe sind Geigenfiguren, die man den Zigeunern abgelauscht hat. Ist man aber im Allgemeinen über den Ursprung und Charakter der alten jüdischen Synagvgenmelodien, wenn man diesen Standpunkt festhält einigermaßen im klaren, so ist die Zeit, aus der sie stammen nicht so leicht zu ergründen. Seit 1219 weiß man von dem Aufenthalt der Zigeuner diesem Zweige einer indischen Rasse in Europa. Wenn auch der Maharil, Rabbiner Jakob Mölke 1340—1427 als Sammler traditioneller Gesänge genannt wird, so stammen diese für jeden Fall aus früherer Zeit und werden dieselben durch die mündliche Überlieferung manche Wandlung erfahren haben. Unsere Synagogengesänge ans die altklassische Tempelzeit zurückzuführen, ist kein Anhalt geboten und haben dieselben mit der alt-klassischen Musik der Hebräer nichts gemein. Die Tonzeichen allerdings haben für die Geschichte der jüdischen Musik irgend welche Bedeutung und sind die durch Striche und Häckchen fixirten Melodien, nach denen die Worte der Schrift recitirt werden, allerdings von Bedeutung. Jedoch auch diese Tonzeichen werden bei den deutschen, polnischen, spanischen, italienischen und englischen Juden verschieden gesungen und auch diese Tonzeichen-Melodie findet sich im ganzen Orient und kann nicht als spezifisch jüdisch angesehen werden. Wir ersehen aus dem Gesagten, daß unsere alten Melodien nicht dem jüdischen Geiste entsprossen sind und durchaus kein spezifisch jüdisches Gepräge tragen. Die Vorbeter in der „Übergangszeit" dessen erinnern wir uns genau, haben durch ihre gesanglustigen Söhne und Töchter, welche Opern besuchten, angeregt, Melodien erhascht und sie dann zum Ergötzen der Synagogenbesucher zum Besten gegeben. So ist uns noch eine „Lecho ckocki-Melodie" erinnerlich, die dein Freischütz entnommen ist und die zu einem Gemeindegesang allerbester Sorte geworden. Dasselbe war auch in früheren Zeiten der Fall. So mißbilligt es z. B. Alfasi gegen Ende des 11. Jahrhunderts, wenn ein Vorbeter sich nach fremden Melodien umsteht, um in ihnen die synagogalen Gebete vorzutragen. Simon ben Zemach Duran berichtet in seinem Kommentar zu den Sprüchen der Väter, daß manche der spanischen Synagogen-Melodien aus den maurischen Gesängen stammen. Auch Sola in seiner Sammlung sephardischer Gesänge hebt hervor, sie seien ein Conglomerat von maurischen und spanischen alten Melodien, die ihren Ursprung zur Zeit der Herr-