Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 „Es war was?" und heiser rang es sich aus der Kehle des Mädchens: „Sprich, Alte, sprich!" „Es war von seinem Grabe!" Sind originale Synagogen- und Wolksmel'odien bei den Juden geschichtlich nachweisbar? Über dieses Thema hielt Herr Professor Emil Breslaur im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Berlin einen Vortrag, der nun gedruckt vorliegt*) und llns von sach- und fachkundiger Seite hierüber Belehrung spendet, die Beachtung verdient, zumal sie mit einer althergebrachten Anschauung bricht, die historisch unhaltbar geworden. Man ist gewohnt, von echt jüdischen charakteristischen Melodien zu sprechen, ohne dabei zu bedenken, daß solche bei tieferem t Eingehen ans dieselben sich als ein Produkt einer ganz anderen Kunst- und Ge-? mütsrichtung erweisen. Es sind in jüngster Zeit viele Anregungen gegeben : worden, die alten Synagogenlieder zu sammeln und war es namentlich Herr Prof. Steinthal, der von der Meinung ausgingdurch eine solche Sammlung? werde sich die Frage: was ist eine echt jüdische .Melodie? beantworten lassen. ■ Man wollte in dem Moll Charakter der Melodie, an dem Schmerz und der Trauer, welche sie zum Ausdruck bringt, etwas specifisch Jüdisches erkennen, doch bei näherer Vergleichung ergiebt sich, daß diese sogenannten „jüdischen Melodien" wie „Aclonaj Adonaj" und „chatanu awinu paschann" darin von deutschen und besonders slavischen Kompositionen sich nicht unterscheiden. Sie weisen in ihrer Mischung von einfachen Cantilealenstil und reichen Passagen- und Coloraturwesen auf die Nationalmusik osteuropäischer, slavischer, magyarischer und orientalischer > Völker hin. So z. B. das „Kol-Nidre" und die „Abodah." Aber nicht nur 1 die Juden iu Spanien und Italien, auch die alten Cantoren in Deutschland cultivieren noch heute das Höher- und Tiefersingen des einen oder des andern Tones. Auch Meyerbeer, Rubinstein und Goldmark haben durch gewisse charak- - teristische Rythinen ihren Melodien ein orientalisches Gepräge verliehen, woher der Glaube, daß dieselben der Synagoge entlehnt seien. Beachtenswert ist, daß zwischen den Anfangstakten des „Kol-Nidre", wie Breslaur entdeckte, und Beethovens Äs moll Quartett op. 131 Absatz 6 eine merkwürdige Ähnlichkeit besteht. Es ist anzunehmen, daß die schwierigen Läufe und Coloraturen der hochmusikalisch ) begabten Zigeuner oder anderer Musiker slavischer Abstammung, welche schon in frühester Zeit die Länder durchzogen und welche auch in jüdischen Häusern bei freudigen Gelegenheiten auf der Violine spielten, die Vorsänger beeinflußten, welche *) Leipzig, Druck und Verlag von Breitkops u. Härtel. Pr. 1 Mk.