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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · p. Seite 10

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 die Thür öffnete sich langsam, und Dötte, die alte, treue Dienerin, stand vor ihr. Stürmisch warf sie sich der Alten an den Hals und küßte ihre verwelkten Wangen. „Mein Vater," rief sie, „geht es ihm gut? O, ich bin so glücklich, wieder daheim zu sein," und sie versuchte an ihr vorbeiznkoinmen, aber die alte Frau stellte sich ihr in den Weg, während schwere Thränen in die müden Augen traten. Das Mädchen zitterte trotz der warnten Pelze und wich erschreckt zurück. „Dörte, Dörte, was giebt es? Laß mich vorüber," schrie sie, und die Alte bei Seite stoßend, stürzte sie in das dunkle, kleine Wohnzimmer, wo ihr Vater immer zu sitzen pflegte. Der große Eichenstuhl war leer, aber die offene Bibel lag noch auf dem Tische, geöffnet beim Buche Ruth. Eine Stelle war mit einem blauen Bleistift angezeichnet, es war der Vers, der mit den Worten beginnt: „Rede mir nicht drein, daß ich dich verlassen sollte, dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!" Dabei war der blaue Stift zn Boden gefallen. Mit schlotternden Knien war die Alte gefolgt. „Wo ist mein Vater, Dörte, erwartet er mich nicht?" „Komm fort, er ist nicht hier." „Nicht hier?" „Er ist nicht hier, sage ich dir", rief die Alte, und den Arnt des Mädchens umklammernd, versuchte sie, dieselbe aus dem Zimmer zu ziehen. Mit kräftigem Ruck hatte das junge Mädchen die schwache Hand fortgeschleudert, und wie eine Löwin stürzte sie auf die Alte. „Wo ist er? Was hast du mit ihm gemacht?" Die alte Frau grollte und schlürfte zum Fenster. Dort in einiger Entfernung am Abhang des Berges sah man ein Stück vom Friedhofe. Die untergehende Somte fiel hell auf die weißen Steine, daß sie wie Sterne erglänzten. Schweigend deutete die Alte mit ihrem Knochenfinger in die Weite. „Dort, dort!" Das Mädchen sah hinaus mit angestrengten Augen, die geliebte Gestalt zu erblicken. Aber als die weißen Steine ihr entgegenflimmerten, begann die ganze schreckliche Wahrheit in ihr aufzudämmern. „Dort", murmelte sie beinahe besinnungslos. Dann brach sie in wildes Lachen aus und warf sich in den Stuhl. Ihr Blick fiel mtf die Bibel, sie laß den Vers: „Rede mir nicht drein» daß ich dich verlassen sollte, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott," uitd sie lachte wieder und wieder, daß es gellend durch das Haus schallte. „Also ich tötete ihn, Alte, also ich war es, die ihn in den Tod trieb! Aber der Kranz, der Kranz, der Kranz von Lilien?" „Es war auf seinen Befehl", wimmerte sie. „Es war — o du armes Kind, du armes Kind" —

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