Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969865-2969867--5589-2974896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 Wolken und müde des Moores. Tag aus Tag ein saß er in seinem schweren, ~ altvaterischen Eichenstnhl, die Hand auf der Bibel. * * * Inzwischen war Rnth's Name in der Hauptstadt in Jederinanns Munde. Ihre Schönheit hatte ihr alles gebracht und noch mehr, als sie je zu träumen und zu hoffen gewagt hatte. Es war der letzte Abend des großen Ausstattungsstückes, das sie mit einem Schlage berühmt gemacht hatte. Das Haus war erdrückend voll, und sie übertraf sich selbst bei jedem Liede, bei jedem Tanze, so daß am Schluffe des Stückes die ganze Bühne mit Bouquets, Kränzen und Trophäen aller Art bedeckt war. Sie stand umgeben von Bergen von Blumen, dem frenetischen Jubel, dem donnernden Applause nach allen Seiten mit graziösem Lächeln dankend. Sie war eine Königin, für heute Abend wenigstens. Dann als der Vorhang zum letzten Male gefallen war, nahm sie ein paar der Blumenspenden auf und eilte der Garderobe zu. Eine derselben hatte sie angezogen durch ungewöhnliche Gestalt und Aussehen. Es war ein halbverwelkter Kranz aus weißen Lilien. Verächtlich warf sie ihn auf den nächsten Tisch und preßte das Bouquet, das Geschenk eines jungen Grafen, an ihre glühenden Lippen. „Wer kann sich unterstehen, mir das schäbige Ding zu werfen?" herrschte sie ihre Jungfer an, indem sie es aus Neugierde wieder anfnahm, um möglicherweise herauszubekommxn, wer gewagt hätte, ihr, der gefeierten Primadonna, verwelkte Blumen zu spenden. Mit einem Schrei der Überraschung und des Entzückens zugleich ließ sie ihn fallen, um ihn sofort wieder an sich zu reißen und mit leidenschaftlichen Küssen zu bedecken. Die Aufschrift lautete: „An meine Tochter Ruth. Komme zurück, ich zürne Dir nicht länger!" Wahrlich, es war der glücklichste Tag ihres Lebens, ein Tag des Triumpfes und ein Tag des Friedens und der Versöhnung. Noch in derselben Nacht reiste sie ab. Wie langsam der Zug durch die Dunkelheit dahinschlich! An Schlaf war nicht zu denken, und so sah sie die erlellchteten Stationen eine nach der andern an sich voüberfliegen, bis der Tag graute. Dann flog der Zug durch Haide und Moorland, und endlich, endlich nahte die Heimat. Die Seenerie wurde vertrauter, jede Stelle belebte sich durch Erinnerungen an die Kindzeit, der Zug verlangsamte sich und hielt. Sie sprang heraus, li.ß ihr Gepäck an der Bahn und eilte der väterlichen Wohnung zu. Der Stations-Vorsteher zeigte einige Überraschung beim Anblick der schönen Dame in kostbaren Pelzen und grüßte ehrerbietig, ohne sie zu erkennen. In zehn Minuten hatte sie das Haus erreicht. Es sah noch kälter und grauer aus als sonst, nach all dem Glanze der Großstadt. Sie pochte an die . Thiire, wartete eine oder zwei Minuten und klopfte wieder und wieder in wilder Ungeduld. Allmählig wurden schwache schlürfende Schritte im Hausflur hörbar,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.