Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Der Kranz von Litten. „Du sollst nicht gehen, Ruth, lieber wollte ich Dich tot zu meinen Füßen sehen!" „Ich werde gehen, Vater, eines Tages, so wahr ich lebe!" Und sie ging. Fort aus dem Hause, fort aus seinem Leben. Er war ein alter Jude, eine ehrfurchtgebietende Erscheinung; finster, weltabgewandt, gestorben für alle Freuden und Genüsse des Lebens. Desto inniger hatte er sich vertraut gemacht mit seiner Religion und ihrer hehren Poesie. Welch' eine Fülle von Schönheit und Geist leuchtete aus ihr! Jahrtausende sind vorbeigegangen, und sie ist dieselbe geblieben! Reiche sind gegründet und sind dem Erdboden gleich gemacht, Völker sind untergegangen und neue erstanden, — aber das Wort Gottes würde bleiben in Ewigkeit. Die Schönheit, die Erhabenheit desselben erfüllte sein ganzes Innere. Sein Lebtag hatten für ihn nur drei Dinge existirt: Seine Bibel, sein Weib und seine Tochter. Sein Weib war ihm nach einem glücklichen Dasein voll selbstlosester Hingabe vorangegangen in's Jenseits, aber das heilige Buch lag immer neben ihm, und mit Vorliebe pflegte er es sich auszulegen in seinem eigentümlichen, strengen und harten Sinne. Uud seine Tochter — ja, die war gegangen. Sie war jung und schön, glühend für alles, was das Leben reizvoll und begehrenswert machte: Liebe, Triumph, Beifall der Menge. Sie war entschlossen, Schauspielerin zu werden, alle Genüsse des Lebens sich zu eigen zu machen und die Welt zu ihren Füßen zu sehen. In dem freudlosen, einsamen Häuschen des Dorfes erstarrte sie. Die finstern, endlos sich ausdehnenden Moorflächen erdrückten sie, die kalten, grauen Steine und Felsen ihrer Heimat machten ihr junges Blut stocken und raubten ihr alle Lebenskraft. Sie sehnte sich darnach die Flügel auszubreiteu und dem Glanz und Genuß der großen Städte, dem Leben entgegen zu fliegen. Und so verschwand sie eines Tages, und der alte Samuel blieb allein mit seiner Bibel. Er äußerte keinen Vorwurf aber seine finstern Lippen schienen noch mehr zusammengepreßt, während die Linien in seinem verwitterten Antlitze tiefer und tiefer sich gruben. Die teilnehmenden Nachbarn verschwanden bei seiner Apathie. Anfangs hatten sie den Namen seiner Tochter des öfter» erwähnt, in der Absicht, ihn aus seiner Erstarrung zu erwecken, nur etwas Bewegung in den wie leblosen Körper zu bringen. Und der alte Mann erhob zur Hälfte das weiße Haupt, blickte sie ernst an und schwieg. Da ließen sie ihn allein. So ging ein Jahr vorüber, und er begann müde zu werden, müde der