Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2969669-2969865-2969867--5585-2974892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

söhnungsfeste zil halten und die Wirkung des Gottesdienstes war nach Berichten von Augenzeugen eine begeisternde und erqnickte wie ein erfrischender Quell die Gemüter, die nach Erhebung und Belehrung verlangten. Außer Dr. Friedlaender, der dann die regelmäßigen Predigten übernommen, haben noch Dr. Salomon, Dr. Frankfurter, Dr. Heß und Dr. Hirsch aus Luxemburg die Kanzel betreten und dadurch der Berliner Reform einen allgemeinen, die ganze gebildete Judenheit interessirenden Charakter verliehen, bis denn am 2. April 1846 das Gotteshaus und am 10. April 1847 die Religionsschule der Gemeinde, die in einem beneidenswerten, sonst vergebens angestrebten Zusammenhang und Einklang mit Haus, Synagoge und Leben steht, durch Dr. Samuel Hvldheim in feierlicher Weise eingeweiht wurden, der am 5. September 1847 sein Amt als Rabbiner der jüdischen Reformgemeinde antrat. In Holdheim, einem Manne von Ruf und Gelehrsamkeit, dessen Predigten ausgezeichnet durch Reichtum und Tiefe der Gedanken, noch heute als hervorragende Leistungen mustergiltig sind, war der rechte und richtige Führer der Gemeinde gefunden, der mit Eifer und Begeisterung an der Neugestaltung des Judentuins mit Einsetzung seiner besten Kräfte arbeitete und als einer der hervorragendsten Talmudisten in diesem Jahrhundert, das talmudische Judentum wie kein zweiter, mit den Waffen, die er aus dem Talmud selbst geholt, geschlagen und dadurch seiner Gemeinde einen unverrückbaren Standpunkt verliehen hat. Holdheim hat in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und in seinem praktischen Wirken eine gründliche Scheidung des National- Politischen von dem Religiös-Ethischen auf dem Gebiete des Judentums vorgenommen und aus diesem Principe heraus die Ceremonialgesetze für überwunden, für überlebt und entbehrlich erklärt, insoweit sie nicht wie etwa die Feste wichtige Epochen und merkwürdige Momente in der Geschichte und die großen erhabenen Gedanken unserer Lehre zur Anschauung und zu Ausdruck bringen, durch welche die Juden eng verbunden und verbrüdert bleiben, wenn sie auch sonst in vielen Dingen anders denken, anders empfinden. Die gemeinsame geschichtliche Vergangenheit, die gemeinsam anzustrebenden großen Ziele für die Zukunft, die Lehre von Gott und das Sittengesetz sind in der That auch ausreichend genug um das Judentum zu erhalten und seine hohe Mission nur desto reiner, klarer hervortreten zu lassen. Die Lehre von Gott und die Ethik des Judentums, sie gelangen in der heiligen Schrift auch in unerreichter, unübertroffener Weihe zu Ausdruck und sie allein nur sind daruni unantastbar, während auf dem Gebiete der Religionsgesetze und des Cultus eine fortwährende Entwicklung, wie die Geschichte lehrt und wofür der Talmud selbst der schlagendste Beweis ist, nicht nur gestattet, sondern geradezu geboten ist. Von großer Bedeutung war die Einführung des Sonntagsgottesdienstes, der den anfänglich daneben bestehenden Sabbatgottesdienst gänzlich verdrängte und sich als ein Zugeständnis an Zeit und Verhältnisse bewährt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.