Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 liegt auch ihr Wesen und ihre Bedeutung, so baß sie als die edelste und bedeutendste Geistesthat innerhalb des Judentums in diesem Jahrhundert anzuseheu ist, die, wenn sie auch die Verbreitung und Ausdehnung nicht gewonnen hat, die ihr gebührt, was lediglich in materiellen Verhältnissen seinen Grund hat, doch vorbildlich geworden ist für die gleichen Bestrebungen in England und namentlich in Amerika, wo in Folge der freien Entwicklung ihr Geist zur Geltung und Anerkennung gelangt ist, in den vielen Gemeinden, die sich zu ihren Principien bekennen und in denen Gottesdienst am Sonntag in der Sprache des Landes abgehalten wird. An der Spitze der Berliner Reformbewegung stand Dr. Sigismund Stern der nachmalige Direktor am Philanthropin zu Frankfurt a. M., und es war ein bedeutungsvoller Tag, als sich am 10. März 1845 eine Anzahl von Mitgliedern der Berliner jüdischen Gemeinde „zu einer Besprechung, über wichtige Angelegenheiten des Judentums" zusammenfand. Schon am 2. April 1846 erschien der Aufruf an die deutschen Glaubensbrüder. „Das alte rabbinische Judentum" heißt es unter Anderem in demselben „hat keine Basis mehr in uns, die erstarrte Lehre und unser Leben sind für immer auseinander gewichen — Mit den veralteten Formen geht auch der ewige heilige Kern des wahren Judentums verloren — Wir wollen uns nicht losreißen von der Genossenschaft, der wir angehören, in Liebe und Duldung reichen wir vielmehr die Bruderhand auch den Andersdenkenden unserer Glaubensgenossen — Wir wollen Glauben, wir wollen positive Religion, wir wollen Judentum". Durch die in Folge dieses Aufrufes schon am 8. Mai 1845 erfolgte Gründung der „Genossenschaft für Reform des Judentums" bei der der Vorsitzende sagte „Nicht niederreißen und untergraben, nein erhalten und bewahren wollen wir das herrliche, edle Grundgebäude unserer Religion" war die Neugestaltung des Judentums, eine vollzogene historische Thatsache geworden. Jetzt galt es rührig an die ernste Arbeit zu gehen, um die junge Gemeinde, in der das Judentum im Lichte einer neuen Zeit, durchhaucht von prophetischem Geiste in Erscheinung treten sollte und auf die die Augen der ganzen Judenheit gerichtet waren, in Thätigkeit und Wirksamkeit zu setzen. Es wurde an den Anfängen zur Abfassung eines neuen Gebetbuches eifrig gearbeitet, welches an den hohen Festen im Jahre 1845 und bei dem regelmäßigen Sonntagsgottesdienste in Anwendung kommen sollte. Die Gebete in deutscher Sprache, nur wenige hebräische Sätze enthaltend, welche die Verkündigung der höchsten religiösen Wahrheit zu Ausdruck brachten und die gleichsam als die Losungsworte des Judentums anzusehen sind, wurden mit unbedecktem Haupte verrichtet und Männer und Frauen befände» sich in einem Raume nur dadurch geschieden, daß die einen die rechte, die ailderen die linke Seite desselben einnahmen. Dr. Ludwig Philippson, damals Rabbiner in Magdeburg verließ seine Kanzel, um in der jüdischen Refvrmgemeinde die Reden am Neujahrsuild Ver-