Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- Seite 279 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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279 gänzlich. Geschmeidig und doch stolz steht er der Macht gegenüber; ein Aristokrat mit weißen Händen, mit der nervösen Empfindlichkeit eines Menschen, der jede harte körperliche Arbeit von sich fern zu halten versteht, ein Philister durch seine Mißachtung der kriegerischen Tugenden und durch jene Empfindung Jahrhunderte langer Erniedrigung seines Stammes, von der ihn seine persönliche Erhebung nicht zu befreien vermag. Er glaubt nur noch an den Reichtum, dieser Sohn der Propheten, der die Welt umgewandelt hat durch seinen Glauben an das Reich Gottes. Und der Reichtum ist ihm wirklich zum Lohn geworden. Er kann arbeiten, aber er versteht auch zu genießen. Ihn würde die tolle Ritterlichkeit niemals antreiben können, seine reiche Wohnung gegen einen nur um den Preis von Gefahren zu erobernden Ruhm zu vertauschen; ihn wird kein asketischer Stoizismus jemals bewegen, die Beute für den Schatten fahren zu lassen. Für ihn steht der Einsatz des Lebens nur hier unten und er ist zur vollkommenen Weisheit gelangt, die da heißt: Du sollst die Früchte deiner Arbeit ruhig genießen, inmitten feiner Kunsterzeugnisse, umgeben von Erinnerungen an vergangene, bis zur Neige ausgekostete Freuden des Lebens. Eine erstaunliche Bestätigung für die Philosophie der Eitelkeit aller Dinge. Es lohnte sich wirklich die Welt in Flammen zu setzen, allen Jammer, alle Verfolgungen zu ertragen, drei bis viermal das eigene Vaterland einzuäschern, alle Tyrannen der Welt beschimpfen, und alle Götzenbilder zu stürzen, um zu enden als ein Rückenmarkleidender, in einem vor Zugluft sorglich verwahrtem Hanse des aristokratischen Paris, mit. dem Bedauern, daß das Leben gar zu kurz und die Freuden gar so flüchtig sind. Ist das nicht wirklich „eitel und ein Jammer?" Dobias Hosn, am Kofe Aapokeons. Am Hofe Napoleons I. gab es einen jüdischen Beamten mit Namen Tobias Cv6u, gewöhnlich Vater Tobias genannt, dessen Dienste dem mächtigen Kaiser unentbehrlich waren. Der siegreiche Eroberer hatte nämlich einen Feind; der ihm viel zu schaffen machte und dem er selber nicht beikommen konnte; das waren seine — Hühneraugen. Und zu jener Zeit lebte in Paris Niemand, der sich auf die Beseitigung dieser Quälgeister besser verstand, als unser Tobias Cosn, der deshalb bei Napoleon in hoher Gunst stand. Ihm freilich präsentiert sich der ruhmvolle Kaiser nicht gerade im Glanze seiner Majestät oder als Kriegsherr mit großem Gefolge, sondern in einer etwas weniger poetischen Haltung: auf dem Kanapes ausgestreckt, unruhig, stöhnend, fluchend auf jene kleinen Teufel, die ihn in seinem Kabinette eingeschlossen hielten. Die Ankunft von Vater Tobias genügte, um die düstere Stirn des Monarchen aufzuheitern. Während der erlösenden Operation fand Napoleon einen Gefallen daran, mit seinem Hühneraugenoperateur zu plaudern, und dieser, ermutigt durch die heitere Stimmung des