Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- Seite 278 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Buch macht. Der Pessimismus unserer Tage wird darin so fein und zugleich so prägnant ausgedrückt, wie kaum irgendwo. Der Autor ist so eine Art Schoppenhauer, der sich in sein Schicksal ruhig ergeben hat und der seinen modernen Bruder Philosophen, den eine böse Schicksalslaune an den Speisetisch deutscher Wirtshäuser gekettet hat, vielfach überlegen ist. Gleich uns Modernen erfreut sich Kohelet an der Trostlosigkeit und betrauert die Freude der Fröhlichen. Er zieht keine Schlüsse, sondern schlägt sich mit den unlösbaren Widersprüchen herum, und er liebt das Leben, trotzdem er dessen Eitelkeit wohl erkannt hat. Dabei macht er keine Phrasen, er spiegelt sich nicht in den gemachten Eindrücken, er bewundert nicht das Pathetische seiner Geberden, während er dem bösen Schicksal flucht. Ich denke mir diesen Dichter gern als einen feinen, wohlgebildeten Mann von eleganter Erscheinung, als Ahnherrn eines der reichen Pariser Juden des neunzehnten Jahrhunderts, der nur zufällig zur Zeit Jesu oder der Makkabäer nach Judäa verschlagen wurde. Denn Kohelet ist thatsächlich und vor allem ein moderner Jude. Zwischen ihm und Heinrich Heine ist nur eine halbverschlossene Thür. Wenn man ihn mit Elia und Jeremia, mit Jesus oder Johannes von Gischala vergleichen will, so begreift man kaum, durch welches Wunder eine Race so verschiedenartige Erscheinungen hervorbringen kann. Will man ihn dagegen neben einen jener modernen Israeliten stellen, die alle großen Handelsstätte Europas seit fünfzig Jahren kennen gelernt haben, so staunt man über die seltsame Ähnlichkeit. Man braucht nur zweitausend Jahre zu warten, bis der römische Stolz verbraucht und das Barbarentum überwunden ist, und man wird sehen, wie dieser Sohn der Propheten, dieser Bruder der fanatischen Zeloten der Thora, dieser Vetter Jesu, zu einem vollendeten Weltmann sich entpuppen wird; wie wenig er sich um das Paradies kümmern wird, dessen Existenz die Welt auf sein Wort geglaubt hat, und wie rasch er alle dynastischen nnd feudalen Vorurteile ablegt. Mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und Grazie wird er allen Falten der modernen Zivilisationsgewänder sich anpassen; als echter Lebenskünstler wird er alle Freuden einer von anderen geschaffenen Welt genießen und die schönsten Früchte von den Feldern abpflücken, die andere bebaut haben. Er wird die Beschränkten, die ihn verfolgen, verdrängen und den Narren, die ihn verachten, sich unentbehrlich machen. Alles, was geschieht, geschieht für ihn. Für ihn haben Clodwig und seine Franken ihre tvuchtigen Hiebe erteilt, für ihn haben die Capetinger ihre tausendjährige Politik aufrecht erhalten, hat Philipp August bei Bouvines gesiegt und Conde bei Rocroi. O Eitelkeit aller Eitelkeit! — Welch' ein wundervolles Rezept, um alle Freuden des Lebens zu erlangen, ist doch diese so laut proklamierte Eitelkeit. Wir alle haben ihn gekannt, diese» Apostel der Weisheit, der sich durch keine übernatürliche Fabel blenden läßt und alle Träuine einer besseren Welt gern für eine Stunde der schönen Wirklichkeiten dieser Erde geben möchte! Jeder Mißbrauch der Macht empört ihn, doch sein Wesen ist den demokratischen Prinzipien unzu-