Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 277 — mus niemals ganz abwehren können, denn es giebt kein Beispiel, daß ein Gedanke oder ein Gefühl ohne Gehirn oder in einem in Zersetzung begriffenen Gehirn sich geäußert hätte. Andererseits wird der Mensch aber niemals glauben wollen, daß sein Schicksal dem Los des Tieres völlig gleich sei. Selbst wenn das bewiesen werden könnte, würde man es nicht glauben. Das ist es gerade, was uns gestattet frei zu denken. Der notwendige Glaube, steht so hoch über allen Angriffen, daß er unzerstörbar bleibt. Die Menschheit wird uns nur so weit folgen, wie unsere Systeme ihren Pflichten und Instinkten entsprechen. Wir dürfen also unsere Gedanken rnhig aussprechen; sie werden keine Frau hindern ihre fröhlichen Lieder zu singen, und keinem Kinde seine Sorglosigkeit nehmen; die Jugend wird nach wie vor den Freudenrausch genießen, der tugendhafte Mensch tugendhaft bleiben, der Asket sein Fleisch ertöten. Die Mütter werden sich immer wieder aufopfern und die Vögel singen und die Bienen ihren Honig sammeln, gleichviel welche Theorien die Wissenschaft aufstellen mag. Und auch Kohelet vergisst inmitten seiner größten Thorheiten nicht die Möglichkeit eines Gottesgerichts. Folgen lvir seinem Beispiel und erhalten wir das Ewige — den Ewigen — inmitten der Vergänglichkeit der Dinge. Die ersten Opfer des Tages, wo man nicht mehr an Gott glauben würde, wären die Atheisten. Man philosophiert niemals ruhiger, als wenn man die Überzeugung hat, daß dieses Philosophieren keine praktischen Kousequenzen haben kann. Klingt nur, ihr Kirchenglocken! — Je lauter ihr Klang, desto ruhiger darf ich behaupten, daß diese Töne keine verständliche Melodie bilden. Hätte ich zu befürchten, die Klänge könnten auf mein Geheiß verstummen, — dann erst müßte ich ängstlich und vorsichtig werden. Was uns in dem Koheleth ganz besonders auffällt und gefällt, ist die Persönlichkeit des Autors. Kaum jemals hat sich ein Dichter einfacher und natürlicher gegeben. Seine Selbstsucht zeigt sich mit einer so naiven Offenheit, daß sie aushört, verletzend zu sein. Dieser Dichter war sicher ein liebenswürdiger Mensch. Die Herzensgüte eines Skeptikers ist die solideste, denn sie entspringt dem tiefen Verständnis der allerhöchsten Wahrheit: nil expedit. Der Koheleth scheint nicht verheirathet gewesen zu sein, — das ist die bitterste Kritik, die man über sein Jahrhundert fällen konnte. In unserer Zeit hätte er sicherlich geistreiche Franen genug gefunden, die weniger schlecht, als er es behauptet, gewesen wären und die ihn geliebt und getröstet hätten. Die Frauen zürnen selten über das Böse, das man ihrem Geschlechte nachsagt. Eine gewisse Gereiztheit gegen die Weiber, betrachten sie nur als einen Beweis der Aufmerksamkeit. Die Fran empfindet Abscheu und Geringschätzung nur für den Mann, der ruhig und gleichgiltig, ohne sich um sie zu kümmern, anderen Interessen leben kann. Der Dichter aber, der offen gesteht, daß er alles auf der Welt schal und öde findet, mißfällt den Weibern am allerwenigsten. Dieser letzte Zug ist es, der den Prediger Salomo zu einem ganz modernen