Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 ewig geweiht zu sei, und mit einer Art von Eigensinn behauptet er immer wieder, daß die Welt sich niemals bessern wird. Ob wohl die Lage unseres Weisen bei Lebzeiten eben so vereinsamt war, wie seine Arbeit in der Geschichte der Litteratur zu stehen scheint? Man darf das kaum glauben. Die Weisheitslehre/ die auf die Verneinung des zukünftigen Lebens und auf die ausschließliche Verfolgung einer praktischen, zu Reichtum und Erfolgen führenden Philosophie sich gründete, war in Israel immer zahlreich vertreten. Das noch vor der Gefangenschaft geschriebene Buch der Sprüche ist im Grunde eben so profan wie der Koheleth. Auch in jener älteren Schrift beschränkt sich die Moral auf eine weltmännische Vorsicht, die sich auf die rein weltliche Lebenserfahrung gründet, während die Religion nur einen untergeordneten Platz einnimmt, als ein zur Lebensführung und für die guten Manieren eines wohlgebildeten Mannes notwendiges Requisit. Man hat oft zu beweisen versucht, daß die Philosophie des Koheleth Spuren des griechischen Einflusses aufweist. Nichts ist weniger sicher. Jeder Zug dieses Buches läßt sich durch die logische Entwickelung des jüdischen Gedankens vollständig erklären. Der Autor lebte zwar wahrscheinlich nach Epikur, doch er scheint keine hellenistische Erziehung genossen zu haben. Sein Stil ist durchaus semitisch und enthält kein griechisches Wort, keinen einzigen charakteristischen Hellenismus. Ein Grieche hätte auch ein so mutloses Werk kaum schreiben können. Das Vertrauen zur Wissenschaft erhält den Mut der griechischen Dichter. Koheleth dagegen schreibt das Werk der ausgesprochensten Zermorschung, in dem sich die ganze tiefe Erschöpfung einer alt gewordenen Zeit ausdrückt. Und dabei ist dieses Hohelied des Skeptizismus, diese zugleich elegante und unheimliche Schrift, nur kurze Zeit vor den Evangelien und dem Talmud geschrieben. Welch ein merkwürdiges Volk, diese Juden! Welche seltsamen Gegensätze leben dicht neben einander in dem Geist dieser Race! Israel hat der Welt ihren Gott gegeben und glaubt selbst kaum daran; es hat die Hoffnung auf das Himmelreich begründet, von der die ganze Menschheit lebt, und seine eigenen Weisen versichern uns, daß der Mensch sich nur um das irdische Dasein kümmern sollte; es hat die Religion geschaffen und ist selbst das am wenigsten religiöse Volk. Die verständigsten Racen glauben alles, was Israel gepredigt hat, und Israel selbst lächelt skeptisch darüber. Die alte jüdische Litteratur hat den Fanatismus aller Nationen entzündet, doch die Juden erkennen besser als irgend jemand die schwachen Seiten dieser Litteratur. Die Philosophie des Koheleth ist nicht streng logisch gegliedert. Die Schlußfolgerung seiner Prämissen mußte eigentlich der Atheismus sein- Doch die Inkonsequenz Koheleths hat etwas Rührendes. Zwei- oder dreimal, als man schon glauben könnte, daß er in den reinen Materialismus endgiltig versinken würde, strebt er plötzlich empor in warmen erhabenen Äußerungen. Diese Art zu philosophieren, ist die allein richtige. Man wird die Einwendungen des Materialis-