Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 auch er eine freie Entfaltung, welche den Kern des Judentums vom Aberglauben und Formendienst befreien sollte und erkannte darum jeder Zeit, auch der Gegenwart das volle Recht zu, die religiöse Entwicklung weiter zu führen, die erstarrten Formen aufzugeben. Er hatte das Glück und die Freude am 12. Juni 1844 die erste Rabbinerversammlung in Braunschweig tagen zu sehen und vertrat dort den Gedanken, daß die freie Ansicht sich in freie That umsetzen sollte. Sogar in Bezug auf Mischehen sprach er sich im Prinzipe dafür aus. Auch an der zweiten Rabbinerversammlung zu Frankfurt a. M. 28. Juli 1845 beteiligte er sich eifrig, wie auch an der dritte 13—24. Juli 1846 zu Breslau. Sein Grab schmücken die Worte: Ein Mann an Kenntnis reich und schriftgewandt, Deß Rede stets den Weg zum Herzen fand Ruht ans vom Erdenlauf in dieser Gruft; Ein Schmuck den Greisen, Die Zier der Weisen, Lebt sein Gedächtnis fort wie Weiheduft. Grnest Menan über Kotzelelh. in. Und das ist das Interessanteste in dem Buch Kohelets. Diese Schrift allein zeigt uns den geistigen und sittlichen Zustand der sicherlich zahlreichen Juden jeuer Zeit, die weder Fanatiker noch Patrioten waren. Der Geschichte Israels würde eines der wichtigsten Streiflichter fehlen, wenn wir diese paar Blätter nicht hätten, um uns den Seelenzustand jener Israeliten zu vergegenwärtigen, die mit dem durchschnittlichen Menschenlos sich abgefunden hatten, die von jeder Exaltation und jeder Hoffnung sich fern hielten und die Propheten — wenn ihre Zeit noch Propheten gehabt hätte — für Thoren erklärt haben würden, — kurz, jener Israeliten, die weder sozialen Träumen, noch Zukunft-Utopien sich ergeben wollten. Der Autor des Koheleth ist ein Weltmann, kein Gelehrter oder Frömmling. Man fönte fast glauben, daß er die Thora gar nicht kennt, und wenn er die Propheten, diese furchtbaren Anwälte der Gerechtigkeit, gelesen hat, so hat er sich von ihrem Geist doch gar wenig angeeignet. Ihr feuriger Haß des Bösen, ihr unruhiger Eifer, die göttliche Ehre rein zu halten, sind ihm vollständig fremd. Ein einziger Gedanke könnte die tausendjährige Geschichte der hebräischen Propheten zusammenfaffen: „Der Tag wird kommen, an dem die Gerechtigkeit und das Glück auf der Erde herrschen werden". Koheleth ist kein Mitglied dieser exaltierten Familie. In der langen Kette erhabener Menschen — von Jesaia bis Jesus — ist kein Platz für ihn. Ihm scheint die Erde den Mißbräuchen für