Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1898)
- Date
- 1898-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 SSSR civilisierte und halbasiatische Länder ausgenommen — von seiner Scholle vertrieben würde und wie Kain unstät und flüchtig von Ort zu Ort, von einem Land zum andern, wandern müßte. Es war daher ein ganz zeitgemäßes, durchaus dankenswertes und lehrreiches Unternehmen seitens des bekannten Geschichtsforschers und Kulturhistorikers Dr. Adolph Kohnt, daß er uns die Geschichte der deutschen Juden von ihrer ersten Einwanderung nach Deutschland bis auf die unmittelbare Gegenwart, auf Grundlage der besten und zuverlässigsten, znm Teil ganz neuen Quellen, schildert. Der Verfasser hat eine fast gar nicht bekannte Kulturwelt von höchsten» Interesse aus dem Schutt der Jahrhunderte hervorgegraben, und niemand wird sein Buch lesen, ohne von den zum Teil erschütternden und tragischen Geschicken des jüdischen Stammes in Deutschland, namentlich im Mittelalter, aufs tiefste ergriffen zu werden; diepackenden Lebens-, Kultur- und Geschichtsbilder, die er uns vorführt haben einen ganz eigenen Reiz, denn sie berühren auch vielfach die Geschichte und Kulturgeschichte Deutschlands selbst seit mehr als einem Jahrtausend, indem Dr. Adoph Kohnt in überzeugender Weise in seinem Haus- und Familienbuch nachweist, daß zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen, eine überaus merkwürdige und überraschende geistige und ethische Wahlverwandschaft existiert. Viel Neues und Interessantes erfahren wir schon in dieser von dem rühmlichst bekannten Historienmaler Theodor Kutschaiann anfs prächtigste und geschmackvollste illustrierten ersten Lieferung. So z. B. daß die Stadt Köln der erste Ort der festen Niederlassung der Juden in Deutschland war. Die emporblühende Stadt am Rhein hat schon im 4. Jahrhundert die Inden angezogen, weil ihnen die Wasserstraße für ihre Handelsbeziehungen trefflich zu statten kam. Im fränkischen Reich ging es ihnen sehr gut. Sie befuhren mit eigenen Schiffen die Flüsse und das Meer. Auch richterliche-Ämter bekleideten sie, fungierten als Steuereinnehmer waren als Ärzte sehr gesucht und kämpften in den Reihen der fränkischen Krieger mit Auszeichnung. Selbst der Klerus war ihnen wohlgesinnt, und einzelne hochgestellte kirchliche Würdenträger verkehrten mit den Inden auf freundschaftlichem Fuß. Als z. B. der heilige Gallus, der sich im Gefolge des Königs Theodorichs I. (511-534) in Köln aufgehalten hatte, gestorben war, versammelten sich die Juden zu seinem Leichenbegängnis, wie alle Trauernden. Interessant ist die Mitteilung, daß es in Metz z. Z. der fränkischen Könige im 8. Jahrhundert einen Bischof gegeben, der ursprünglich Jude war: es war dies der siebente Bischof von Metz, Namens Simeon. Diese Thatsache beweist, daß schon im 8. Jahrhundert getaufte Juden eine hervorragende Rolle in der Kirche spielten. Der Glaubenswechsel unter den Theologen gehörte aber im frühen Mittelalter zu den großen Seltenheiten, während später und namentlich in der neueren Zeit die Zahl der christlichen Geistlichen, welche ursprünglich dem Juden-