Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1898)
- Date
- 1898-11-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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253 des unglücklichen Patriarchen haben sich nun in den hoffnungslos ergebenen Schmerz eines gelehrten Weltmannes verwandelt. Hiob ist unermeßlich kühn in Wort und Gedanken, trotzdem er viel religiöser in seinem Innern bleibt. Koheleth dagegen hat nicht einmal mehr die Kraft, gegen Gott sich zu empören. Es ist ja so nutzlos. Gleich Hiob neigt er sich vor einer unbekannten Macht, deren Handlungen durch keine erkennbaren Beweggründe veranlaßt sind; doch er tröstet sich darüber. Wenn nur die Richter nicht gar so verdorben, die Weiber nicht gar zu treulos, die Erben etwas dankbarer und die Regierenden etwas verständiger wären, so würde er sich mit dem Leben sehr gut versöhnen können und sogar gern anerkennen, daß es — trotz den Aussichten auf ein grämliches Alter — eigentlich ganz angenehm sein kann, ein durch kluge Vorsichten erworbenes Vermögen an der Seite einer geliebten Frau ruhig zu genießen. Von den Frauen sagt der Autor zu viel Schlechtes, als daß man nicht annehmen müßte, er habe sie leidenschaftlich geliebt, und die Art, wie er von ihren Fehlern spricht, läßt uns vermuten, daß er sie leicht wieder lieben würde. Auch versteht er, trotz seinem Abscheu vor dem Leben, so manchen trefflichen praktischen Rat zu erteilen über die Art, wie Gunst des Hofes zu erlangen und zu erhalten sei, über die Vorsicht, die man den Priestern gegenüber beobachten soll, über die Unsicherheit des gemünzten Vermögens, wie auch über die beste Art, seine Kapitalien anzulegen und sie so zu verteilen, daß man wenigstens nicht alles auf einmal verlieren kann. So viel Seelenruhe inmitten der Streitigkeiten jener Zeiten, in die wir die Entstehung des Ecclesiastes verlegen, könnte uns in Erstaunen setzen. Man darf sich aber über diese Gemütsruhe nicht wundern. Der Glaube an die Auferstehung und an das letzte Gericht, der die Juden aus der religiösen Sackgaffe, in die sie geraten waren, befreite, hat sich vorläufig der Masse noch nicht mitgeteilt. Viele talmudische Gelehrte glauben an das Reich Gottes und an die Auferstehung gleich den Christen. Doch die meisten halten an die alte Weltanschauung des Judentums, und die zahllosen jüdischen Märtyrer, die der christliche Fanatismus im Mittelalter dem Flammentode überlieferte, glauben nicht alle an die Unsterblichkeit der Seele. Gleich dem Rabbiner von Mainz beschuldigt sich mancher Heilige auf dem Wege zum Richtplatz aller möglichen Frevelthaten, um das Grundprinzip, daß Gott seine treuen Diener nicht verlassen kann, aufrecht zu erhalten. Der Jude ist nicht gottergeben gleich dem Christen, für den Armut und Niedrigkeit Tugend sind. Der Jude betrachtet sie als Unglücksfälle, gegen die man kämpfen und sich wehren muß. Die Mißbräuche und Gewaltthaten, die den Christen ruhig lassen» empören den Juden, und gerade dadurch wird das jüdische Element in allen Ländern, wo man es nicht gewaltsam unterdrückt, zum thätigsten Förderer des Fortschritts und der Reformen. Die Lehren von St. Simon und der industriell-finanzielle Mystizismus unserer Tage sind zur guten Hälfte aus dem Judentum erwachsen, und in den revolutionären Bewegungen .Frankreichs spielt